7 Earth-Size Planets Identified in Orbit Around a Dwarf Star

The planets orbit a dwarf star named Trappist-1, about 40 light years, or about 235 trillion miles, from Earth. That is quite close, and by happy accident, the orientation of the orbits of the seven planets allows them to be studied in great detail.

One or more of the exoplanets — planets around stars other than the sun — in this new system could be at the right temperature to be awash in oceans of water, astronomers said, based on the distance of the planets from the dwarf star.

Oh das ist alles so verdammt spannend! Trappist-1 wird übrigens als „ultracool dwarf“ bezeichnet weil er weniger Masse und eine deutlich kühlere Oberflächentemperatur als unsere Sonne hat. Bei der NASA dürfte man sich der Doppeldeutigkeit aber auch bewusst sein.

Danko Jones – My Little RnR

Das Ding mit Danko Jones ist ja, dass sie die AC/DC-Formel haben: kennste einen Song, kennste so gut wie alle.

Saugut bleibts halt trotzdem.

Man könnte ja auch mal wieder bloggen

Vor ein paar Tagen habe ich alle Fotos, die noch zur Veröffentlichung vorgesehen waren, bei Facebook auf einmal hochgeladen. Weil ich es leid bin mich jeden Tag damit beschäftigen zu müssen, zu überlegen welches Foto ich an diesem einen Tag zeigen möchte, obwohl ich doch weiß, dass es genauso wie hunderte andere Fotos durch die Timeline der Fans rauschen wird und in den Köpfen der meisten schon wieder vergessen ist sobald es vom Bildschirm verschwunden ist. Aus den Augen, aus dem Sinn. Es ist egal, es macht keinen Unterschied. Das ist okay, das ist der Sandkasten von Facebook und sie sagen eben, wie die Förmchen zu benutzen sind, und ich bin auf die Reichweite nicht angewiesen.

Vor etwa einer Woche sah ich im Instagram-Profil eines Bekannten das Bild einer Obdachlosen aus Berlin, darunter Kommentare wie „Inspiring“, „Damn nice shot“ oder „Super“ in Kombination mit einem lachenden Smiley. Es sind sinnentleerte Kommentare, die vermutlich automatisch unter Bilder gesetzt werden, das macht es aber nicht besser.
Ebenfalls vor ein paar Tagen habe ich aus Interesse ein paar andere Hashtags bei meinen Instagram-Fotos benutzt und spürbar mehr Likes bekommen. Mag ja sein, dass unter den Neuzugängen auch welche sind, denen mein Profil wirklich gefällt, aber wenn eine einfache Änderung von ein paar Hashtags ausreicht um mehr Reichweite zu erhalten frage ich mich ja doch, ob und wieviel die tatsächlichen Inhalte eigentlich noch zählen. Und dann erwische ich mich selber dabei, dass ich schon nicht mehr weiß, bei welchen Fotos ich gestern auf den Button mit dem Herz gedrückt habe. Ich bin eigentlich nicht besser.

Ultimately, it comes down to two things: ownership and control.

Last week, Twitter announced they’re shutting down Vine. Twitter, itself, may be acquired and changed in some terrible way. It’s not hard to imagine a post-Verizon Yahoo selling off Tumblr. Medium keeps pivoting, trying to find a successful revenue model. There’s no guarantee any of these platforms will be around in their current state in a year, let alone ten years from now.

Here, I control my words. Nobody can shut this site down, run annoying ads on it, or sell it to a phone company. Nobody can tell me what I can or can’t say, and I have complete control over the way it’s displayed. Nobody except me can change the URL structure, breaking 14 years of links to content on the web.
Andy Baio

Klar werde ich die Dienste auch weiterhin nutzen, aber Andy Baio hat die beiden gewichtigen Gründe genannt, dieses Blog vielleicht doch wieder zu reanimieren: zum einen laufe ich nicht Gefahr meine Daten zu verlieren, sobald irgendeinem Dienst mal wieder das Geld ausgeht, und zum anderen die Möglichkeit machen zu können, was ich will. Ich habe selber noch keinen richtigen Plan wie es hier weiter gehen könnte, aber sagen wir es mal so: mir schwirren ständig Gedanken im Kopf herum, und mein Feedreader ist seit mehreren Jahren mit hunderten Links gefüllt, für die es aber nie den richtigen Ort zur Ablage gab. Für den Anfang habe ich ein paar ältere Beiträge eingefügt, die sich bisher noch an unterschiedlichen Orten befanden.

Außerdem habe ich seit fast drei Jahren hier nichts mehr geschrieben, also könnte man ja auch mal wieder.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Die Odenwaldschule hat am Samstag den 25. April 2015 bekanntgegeben dass sie den Betrieb zum Ende des Schuljahres einstellen wird. Trotz intensiver Bemühungen sei es nicht gelungen genug Geld zu besorgen um den unbefristeten Betrieb der Einrichtung zu sichern, derzeit sind zudem nur etwa 120 Schüler im Landerziehungsheim untergebracht, um profitabel zu sein bräuchte man wenigstens 200 Schüler. Das ist das Resultat aus der öffentlichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, der 2010 erst so richtig bekannt wurde.

Ich hatte diesen Moment eigentlich erwartet, die Frage war nur wann es passieren würde. Und trotzdem, nachdem es nun bekanntgegeben wurde wirkt es befremdlich.

Ich war Schüler der Odenwaldschule, von 2003 bis 2005 habe ich dort die Oberstufe besucht, mein Abitur sozusagen nachgeholt und gleichzeitig eine Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten absolviert. Ich war 20 Jahre alt als ich auf die Schule kam, in meiner Jugend habe ich die Schule eher verbockt und war mit anderen, für mich wichtigeren Sachen beschäftigt. Ich war froh nochmal eine Chance zu kriegen, war froh dass meine Eltern mir den Besuch der Schule ermöglichen konnten. Der Altersunterschied zu meinen Mitschülern kam nie zur Sprache, er war egal. Einerseits hatten viele dort ihre Geschichte, andererseits hatte durch die räumliche Enge ohnehin jeder mit jedem zu tun, egal in welcher Klasse man nun war. Der Wahlspruch der Odenwaldschule lautet “Werde, der du bist”, und zumindest auf mich traf das zu. Ich war stolz, ein Odenwaldschüler gewesen zu sein.

Fünf Jahre später erfuhr ich von den Missbräuchen.

Es war nur ein Artikel, ich glaube die ganze Dimension war damals noch gar nicht offensichtlich, aber für mich war es ein kleiner Schock. Ich begann, Erlebtes in der Odenwaldschule neu zu bewerten. Erzählungen, die ich damals noch als ein wenig creepy abgetan habe wirkten auf einmal erschreckend real. Institutionen, die es zu meiner Zeit “einfach gab”, die aus diesem Skandal heraus gegründet wurden. Vorfälle, nicht sexueller, wohl aber doch übergriffiger Natur, die auch zu meiner Zeit an der Odenwaldschule passiert sind. Alles fühlte sich anders an.
Ein Jahr später kam der Dokumentarfilm “Und wir sind nicht die Einzigen”, der die Opfer in einer ruhigen und gerade dadurch gewaltigen Art zu Wort kommen lässt. Ich besuchte die Premiere in Berlin, sah Ex-Schüler, Ex-Lehrer, ja sogar meinen damaligen Schulleiter im Publikum. Die Dimension erschlug mich, ich war sprachlos und den Tränen nahe. Die Vorstellung, dass dieser Ort, an dem ich drei so wunderbare Jahre verbrachte, für so viele Menschen die Hölle auf Erden gewesen sein muss war für mich unerträglich.

Und dann gab es da noch diese andere Sache.

Es gibt ein Forum für Altschüler zum Austausch, Organisation und dergleichen. Ich habe meist eher halbherzig verfolgt, die meisten Themen interessierten mich nicht wirklich, und das Altschülertreffen alle zwei Jahre in den Herbstferien der Odenwaldschule wurde eh über Briefe verkündet. Als ich 2010 den Artikel über den Missbrauchskandal las teilte ich den Link aber in diesem Forum weil ich dachte, er würde auch andere interessieren. Der erste Kommentar von einer Altschülerin war “Ja. Hast du das nicht gewusst?”

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Nein, ich habe das nicht gewusst. Ich wusste auch nicht dass sich bereits 1998 zwei Opfer in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit wanden und die Sache publik machten. Dass die Polizei das Verfahren damals wegen Verjährung eingestellt hat. Dass die Schule zu dieser Zeit kein Interesse an der Aufarbeitung hatte. Ich weiß warum nichts getan wurde, man wollte wohl den Fall vermeiden der jetzt eingetreten ist. Aber ich kann es nicht verstehen. Es war zu dieser Zeit ein weiterer Schlag ins Gesicht für jede und jeden, für den die Odenwaldschule nicht das erhoffte Paradies war. Und es machte mich sprachlos wie lapidar mir das entgegnet wurde.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Ich war seitdem nicht mehr auf der Odenwaldschule. Ich hatte Angst davor wie ich reagieren würde wenn ich dort auf Menschen treffe, denen ich vertraute, Schüler wie Lehrer. Die 1998 bereits auf der Schule waren als zwei Menschen den Mut aufbrachten ihre Geschichte öffentlich zu machen. Die gar in den 70ern auf der Schule waren, als es passiert ist. Du teilst dort nicht nur die Schule sondern auch dein Leben mit den Menschen. Ich hatte Angst, dass ich sie am Kragen packen würde, sie anschreien würde warum sie nichts getan haben, warum mir nur ein lapidarer Kommentar entgegnet wird, hatte Angst dass ich schlimmeres tun würde. Ich hatte Angst vor mir selbst.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Ich habe, glaube ich, nie konkrete Zahlen gesehen, also informierte ich mich. Man spricht von 33 Opfern in 50–100 Fällen, an denen acht bis zehn Lehrer beteiligt waren. Die Dunkelziffer wird höher sein. Ich erinnere mich wieder an den Film erinnere mich wie dort die Systematik beschrieben wurde, mit der die Missbräuche organisiert wurden. Und bin wieder sprachlos.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Und jetzt schließt die Odenwaldschule. Es fehlt an Geld, sehr viel Geld. Im Altschülerforum wird zwar noch diskutiert, dass man bis zum 30. Mai 2015 eine niedrige siebenstellige Summe aufbringen müsse um den Betrieb aufrechtzuerhalten, und man das über Darlehen und Spenden vielleicht noch erreiche könne, aber ich habe das Gefühl dass es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Der Trägerverein der Odenwaldschule hat bei der Aufarbeitung des Skandals Fehler gemacht. Es gab einen weiteren aktuellen Fall, der von der Schule zwar völlig korrekt behandelt wurde, für die öffentliche Wahrnehmung natürlich trotzdem eine Katastrophe war. Die Odenwaldschule wäre diesen Ruf nie wieder losgeworden, sie hätte ihm nur mit einer ebenso direkten Aufklärung entgegen treten können. Aber das ist nicht passiert, und das Vertrauen ist dahin. Vielleicht geschieht ja noch das Wunder und sie kriegen die benötigte Summe zusammen. Ändern würde das aber nur wenig, und nächstes Jahr wäre man wohl wieder am selben Punkt. Und so leid es mir für die Lehrer, Mitarbeiter und vor allem die Schüler tut: ich erwische mich dabei zu denken, dass es vielleicht besser so ist.

Ich habe meinen Vater mal gefragt, ob er die Odenwaldschule auch noch für mich in Betracht gezogen hätte, wäre das alles schon 2003 bekannt gewesen.

Nein, hätte er nicht.

Ich brauche das nicht.

Ayrton Senna war vermutlich der größte Formel 1-Fahrer, den die Welt jemals gesehen hat. Die Aufnahme oben zeigt den Fahrer im Cockpit seines Rennwagens TG184 für das Team Toleman während des Rennens am Nürburgring im Jahr 1984, sein Helm liegt auf einem der Sidepods. Die Aufnahme wurde gemacht von Angelo Orsi, Picture Editor beim Autospring Magazine und enger Freund von Senna. Er war es auch, der als erster an der Unglücksstelle war, als Senna beim Rennen in Imola 1994 mit etwa 220 Stundenkilometer in eine Begrenzungsmauer raste und dabei tödlich verunglückte. Und er war der einzige Fotograf der Aufnahmen machte als man den Helm bereits abgenommen hatte. Aus Respekt vor und Wunsch der Familie wurden diese Fotos nie veröffentlicht.

Ich finde das bemerkenswert, denn es wäre heute undenkbar.

Ich muss es aber auch nicht sehen. Ich brauche es nicht zu sehen. Es mag sein dass wir Bildern mehr Glauben schenken als dem geschriebenen oder gesprochenen Wort — wobei Manipulationen heute wirklich eine Leichtes sind — aber ich brauche kein Foto von Senna, wie er in seinem völlig zerstörten Rennwagen sitzt um zu wissen, dass er an diesem Tag gestorben ist. Ich brauche keine Spekulationen in den Stunden zwischen Aufprall und Bekanntgabe des Todes durch die Ärzte durch irgendwelche Experten, was ihn nun getötet hat. Ich brauch keine minütlich aktualisieren Ticker um wenigstens irgendetwas berichten zu können, ich weiß auch so dass derlei Informationen mit der heißen Nadel gestrickt und mir nicht helfen werden, mich umfassend über das Geschehene zu informieren. Ich brauche keine Fotos von schockierten Zuschauern zu sehen, von Teammitgliedern, von Offiziellen um zu wissen, dass die Formel 1 einen ihrer schwärzesten Tage hatte. Ich brauche keine Fotos von Trümmerteilen zu sehen, ich kann mir auch so vorstellen wie ein Wagen aussehen muss der mit einer solchen Geschwindigkeit in eine Mauer rast. Ich brauche keine Fotos der Familie zu sehen, ich weiß auch so dass sie um ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Mann trauern. Ich brauche nicht unbedingt eine Liveübertragung der Beerdigung oder des Trauermarsches zu sehen, weiß aber dass sie für viele Menschen der einzige Weg ist wenigstens ein bisschen dabei zu sein. Und drei Millionen Menschen auf den Straßen von São Paulo in der Totalen zu sehen, die ihrem Helden einen letzten Gruß mit auf den Weg geben hilft mir visuell einzuordnen, was für einen Stellenwert Senna für eine ganze Nation hatte. Aber ich brauche keine Eindrücke von weinenden Kindern, Senioren, Frauen, Männern, die man irgendwo in diesem Trauermarsch gefunden hat — dass sie an diesem Tag trauern weiß ich auch so.

Wie schön es wäre wenn moderner Journalismus uns einfach die Informationen geben würde, die wir brauchen. Der Rest ist doch nur Befriedigung von Gier.

Im Gespräch mit Jan Scholz

Es gibt eine Liste mit Fotografen, mit denen ich mich gerne unterhalten würde. Sie ist nicht geordnet, weder alphabetisch oder nach Genre oder gar Popularität. Es ist eine Liste von Fotografen, die ich interessant finde, die ich bewundere, über die ich gerne mehr erfahren würde. Aber ich würde natürlich lügen, würde ich behaupten, dass ich mit einigen nicht noch ein bisschen lieber sprechen würde als mit anderen.

Jan Scholz ist einer davon, und ich war wirklich glücklich, als ich seine Zusage bekam. Im Interview erzählt er unter anderem, wie es ist, sich in einer neuen Stadt zurechtzufinden, wie er seine Locations findet und was ihm das Internet gebracht hat.

Du bist ja von Hamburg nach Brüssel gezogen, wie kam es dazu? Hatte das berufliche Gründe?
Beruflich, ja. Ich arbeite für eine europäische Organisation und habe erst vier Jahre lang in Maastricht gearbeitet und dann das Angebot bekommen, nach Brüssel zu gehen. Das war vor drei Jahren. Ich bin fast schon so aufgewachsen — wir waren mit der Familie ziemlich viel in Deutschland unterwegs, aber auch in England und den USA. So war das für mich eigentlich nur die Fortsetzung von dem, was meine Familie eh schon gemacht hat.

Ich wollt gerade fragen, das ist ja schließlich schon ein Schritt, ins Ausland zu gehen.
Ja, aber für mich wäre es vermutlich komisch, wenn ich 15 Jahre an einem Ort verbringen würde. Das wäre schon sehr ungewöhnlich.

Bist du ein rastloser Mensch? Jemand, der sagt, er muss zum Beispiel alle fünf Jahre den Ort wechseln, weil er was Neues braucht?
Nicht unbedingt den Ort, aber bei der Arbeit merke ich, dass nach ein paar Jahren die Routine einsetzt. Da bin ich dann schon froh, wenn man den Schwerpunkt wechseln kann, und oft geht das dann gleichzeitig mit einem Ortswechsel einher.

Ich glaub da ähneln wir uns. Ich brauche auch ständig neue Herausforderungen, sonst fällt es mir schwer, mich über längere Zeit zu motivieren. Das heisst aber auch, dass Fotografie nicht dein Beruf ist, richtig? Machst du das nebenberuflich oder ist es „nur“ ein Hobby?
Das ist eine reine Wochenend- bzw. Hobbygeschichte, ja.

Okay, und wie bist du darauf gekommen, dass das was für dich sein könnte? Wie lange fotografierst du denn schon?
Fotos mache ich seit sechs oder sieben Jahren. Für Fotografie interessiert habe ich mich schon immer, während des Studiums hatte ich auch mal eine Spiegelreflexkamera mit in den Urlaub genommen, aber nie wirklich den Ehrgeiz entwickelt, mehr daraus zu machen. Der Reiz war eher unterschwellig vorhanden, beispielsweise wenn ich Ausstellungen von Lindbergh besuchte. Ein Auslöser war dann der Umzug nach Maastricht. Wie das so ist: man zieht irgendwohin, kennt erst mal niemanden und versucht irgendwie, seine Wochenenden sinnvoll auszufüllen. Zeitgleich wurden auch die ersten Digitalkameras erschwinglich. Ich hab mir damals eine DSLR gekauft, bin durch die Stadt gelaufen und hab fotografiert. Die Fotos habe ich dann auch bei fotocommunity hochgeladen und gemerkt, dass die Anklang gefunden haben, dass die Leute das gut fanden, was ich da machte. Das motivierte zusätzlich, bis mich Häuser und Brücken irgendwann langweilten. Ich wollte mehr in Richtung Portraits gehen. Und wieder das gleiche Problem: man ist irgendwo neu, kennt nicht viele Leute und muss erst mal gucken, dass man welche findet. Aber so ging das los. Die Begeisterung dafür kam auch sehr schnell, so dass ich mich außerhalb der Arbeit fast nur noch damit beschäftigt habe.

Wie oft kommst du denn zum fotografieren?
Zur Zeit relativ wenig. Im Februar habe ich zum Beispiel nur zwei Shootings gemacht, im Sommer, wenn ich rausgehen kann, können es auch mal acht oder neun im Monat sein.

Du bist also zuerst durch Maastricht gelaufen und dann kam irgendwann dieser Wechsel, dass du dir dachtest, jetzt willst du Menschen fotografieren.
Ja, wenn ich andere Bilder anschaute merkte ich, dass ich immer bei Portraits hängen blieb, das war für mich immer interessanter als beispielsweise Architektur. Durch Zufall bin ich dann an eine kleine Modelagentur geraten. Der Chef war sehr hilfreich und schickte mir ein Model, um das Ganze auszuprobieren. Wir sind dann zusammen durch die Stadt gelaufen und haben Fotos gemacht. Ich kam mir sehr hilflos vor. Das sehr erfahrene Model zog all ihre Posen durch, die ich meist grausam fand, aber ich wusste auch nicht so genau, was ich eigentlich wollte. Ich hab mir noch während des Shootings gedacht, dass ich so einen Blödsinn nie wieder mache. Zuhause beim Sichten der Bilder war ich dann doch sehr überrascht, dass mir einige der Fotos sehr gut gefielen. Die Agentur fand sie auch gut, schickte mir weitere Models und lud mich zu Fotoevents ein. Wenn man seine Fotos dann auch im Netz zeigt, kommen die ersten Anfragen und das wird irgendwann zu einem Selbstläufer. Aber der Anfang, also überhaupt ein Model zu finden, dass sich von einem unerfahrenen Fotografen ablichten lässt, das ist schon ein bisschen mühsam, ja.

Du hast eben Lindbergh in den Raum geworfen, waren er oder andere dann auch gleichzeitig eine Art Vorbild für dich?
Also seitdem ich auf Film fotografiere: definitiv ja. Vorher auch, ja, aber wenn ich mir meine digitalen Fashion- und Portraitbilder von damals angucke, dann gingen die schon in eine ganz andere Richtung. Erst als ich Film und vor allem die Schönheit von Schwarzweiß für mich entdeckte, da habe ich dann diese Spur zu Lindbergh wiedergefunden. Diese Art und Weise, Fotos zu machen, in schwarzweiß, relativ natürlich, mit schönem Licht, einen interessanten Ausdruck, das ist mein Ding.

Aber das ist ja spannend, denn es gibt ja dieses Klischee, das nicht die Kamera das Bild macht sondern der Fotograf. Wenn du jetzt sagst dass du mit Film gleichzeitig auch deinen Stil geändert hast ist das ja ein wenig gegensätzlich.
Vermutlich kann man einem Profi allerhand Kameras geben und trotzdem kommt was Gutes dabei raus, man kann aber auch jemanden die beste Ausrüstung in die Hand drücken, wenn er das Motiv einfach nicht sieht kommt trotzdem nichts dabei rum. Digital war ich nie glücklich mit meinen Schwarzweißbildern, die sahen nie aus wie ich mir das vorstellte. Erst als ich Film für mich entdeckte öffnete sich für mich die ganze Welt der Schwarzweiss-Fotografie und somit auch eine neue Bildsprache. Bei Film hat man ja ein breites Spektrum an Formaten, jede Kamera verleitet mich dazu, anders zu fotografieren, die Stärken und Schwächen jedes Formates auszunutzen. Das ist ja auch der Grund, warum ich mich so gerne zwischen verschiedenen Formaten bewege: ich werde gezwungen, anders an die Sache heran zu gehen.

Ja, ich fotografiere ja auch größtenteils mit Mittelformatkameras mit unterschiedlichen Bildformaten, da ist jede Kamera anders.
Genau. Ich bin jetzt nicht contra Digital und pro Analog, das interessiert mich relativ wenig. Aber rein digital hat man meist eine Kamera, die alles „kann“. Das würde mich vermutlich einschränken und auch ein bisschen anöden. Es gibt verschiedene Objektive, mag sein, aber im Wesentlichen sind es die gleichen Knöpfe und die gleichen Funktionen. Wenn ich dagegen eine Rolleiflex-TLR habe, wo ich oben reinsehe und im Quadrat komponieren muss, das ist eine ganz andere Art zu fotografieren als beispielsweise mit einer schnellen Leica und einem 2:3 Bildformat. Das inspiriert mich ganz persönlich, das ist ein Teil des Spaßes beim fotografieren.

Fotografierst du denn nur Models, oder auch mal Freunde oder Kollegen?
Ich hab ja fast überall eine Kamera mit dabei. Ich fotografiere eine Menge, ich zeige halt nur nicht alles. Gerade im Freundes- oder Verwandtenkreis achte ich doch sehr darauf, nicht alles ins Internet zu stellen. Seit ich fotografiere bin ich ja auch auf jeder Hochzeit von Freunden oder Verwandten als der Fotograf gebucht, das ist dann so mehr oder weniger mein Hochzeitsgeschenk. Aber die Fotos findet man nicht online, das ist eine ganz andere Welt, das ist Teil einer Privatsphäre.

Ist das was für dich, Hochzeitsfotografie?
Fotos in der Kirche und die offiziellen Fotos machen mir schon Spaß, also das zu machen, was ich gut kann. Leute inszenieren, Portraits, die gestellten Sachen halt. In der Kirche ist zwar nichts gestellt, dafür aber kontrolliert, ich weiss ja, wo wann was passiert und was ich fotografieren muss. Bei der Party abends sind es ja mehr Schnappschüsse, das ist eher nicht so meins.

Kontrolle ist ein gutes Stichwort, ist das bei deinen Shootings auch so? Behältst du die Kontrolle oder lässt du auch einfach mal machen?
Schwer zu sagen, kommt ganz darauf an. Das letzte Model zum Beispiel war sehr erfahren und hat eine gute Pose nach der anderen gebracht – aber eben nicht das, was ich wollte. Da musste ich wirklich Energie aufbringen, um sie aus ihrem Portfolio an Posen herauszubewegen. Das ist auch ein kleiner psychologischer Konflikt, der ausgefochten werden will. Es war mir einfach zu künstlich, ich mag es wenn es aussieht wie eine halbwegs natürliche Szene. Manchmal gibt es aber auch Situationen, in denen einfach alles genau so kommt, wie mir das gefällt, und dann fotografiere ich auch gerne drauf los und sage nicht viel. Und natürlich möchte ich das Setting kontrollieren, also was für ein Licht ich habe, was für ein Hintergrund und so weiter. Ich kann und muss dafür sorgen, dass die Variablen außenrum stimmen, damit ein schönes Foto entsteht.

Genau, das meinte ich auch, nicht das Durchsetzen des eigenen Willens sondern das ganze Setting zu kontrollieren.
Ich glaub gerade wenn man seinen Willen durchsetzen will, tut das den Fotos gar nicht gut. Das ist ja auch das spannende am fotografieren von Menschen, dass da zwei Persönlichkeiten aufeinander treffen, und was am Ende dabei heraus kommt ist, ein Ergebnis dieser Konstellation. Es kam schon vor, dass ich das Model überhaupt nicht mochte, aber gerade aus dieser Distanz entstanden interessante Fotos. Und es ist immer anders, ich hab noch nie zwei Shootings gehabt, die nach dem gleichen Schema abliefen.

Ist denn dieses letzte Shooting noch was geworden?
Ja, das war gut. Diesen Umgang miteinander beim shooten muss man auch lernen, gerade wenn es auf Anhieb nicht klappen sollte. Dass man dann nicht versucht seinen Willen durchzusetzen, sondern auf sanfte Art und Weise zu bekommen, was man für das Foto gerne hätte. Das funktioniert bei einem selbstbewussten Model anders als bei einem schüchternen, und das ist ja gerade das interessante daran: es kann so viel besser werden als man dachte, es kann aber auch voll in die Hose gehen.

Wie würdest du denn diese Beziehung während des Shootings definieren? Hältst du das für eine „Geschäftsbeziehung“ oder kommt da auch ein bisschen Begehren dazu?
Also den Begriff „Geschäftsbeziehung“ fände ich ein bisschen kalt. Es ist aber auch nichts freundschaftliches, eher irgendwo in der Mitte. Die Models kennen ja meist meine Fotos und wissen, was sie erwartet, man trifft sich einfach und möchte zusammen etwas Schönes kreieren. Meine Erfahrung ist: je mehr Begehrlichkeit ich bei einem Shooting entwickle, desto miserabler werden die Fotos. Mich begeistert Schönheit, ja, aber nicht im Sinne einer sexuellen Begehrlichkeit. Es kommt vor, aber wenn es passiert, dann werden die Fotos schlecht, weil man ohne Seele, Sinn und Verstand fotografiert.

Ich habe mir schon selbst Verbote auferlegt, bestimmte Sachen nicht mehr zu machen, zum Beispiel das Model auf das Bett zu legen: „Egal was ich mache, das Model liegt nicht auf dem Bett!“

Was mich an deinen Fotos ja immer faszinierte waren die ausnahmslos schönen Locations. Wie findest du die denn?
Na, im Sommer ist es relativ einfach, da geht man einfach raus und fotografiert. Im Winter wird es kompliziert, da habe ich ein paar schöne Bed&Breakfast Hotels in Brüssel und Antwerpen gefunden, die sehr schön eingerichtet sind und wo man fotografieren kann. Manche berechnen eine ganze Nacht, manche wollen gar nichts
außer vielleicht ein paar Fotos vom Apartment, aber meistens trifft man sich irgendwo in der Mitte. Aber wenn ich mir überlege was ich für vier-fünf Stunden Mietstudio zahle ist das immer noch ein Schnäppchen! Und gerade in Brüssel gibts ein paar schöne Hotels. Selbst wenn man die schon durch hat und mehrfach in derselben Location fotografiert, ist es immer noch besser als eine nackte Studioleinwand.

Wobei die ja auch was hat, wenn ich da an Avedon denke, der es durch genau das Setting schaffte, auch oder gerade den Charakter eines Menschen zu erfassen.
Hab ich am Anfang gar nicht gemacht, mittlerweile interessiert es mich aber auch mehr, also was man nur mit dem Ausdruck, Licht und dem Bildschnitt erreichen kann.

Wissen denn die Hotels, was du machst?
Ja klar, da bin ich völlig offen! Es würde mich auch stören wenn es nicht so wäre. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es gut funktioniert, wenn man ganz offen und ehrlich mit den Leuten ist. Einige antworten gar nicht, viele geben ein paar Bedingungen vor, manchmal erwischt man auch einen Hoteldirektor, der sich für Fotogafie begeistert und einem dann die Suite kostenlos zur Verfügung stellt. Mit Offenheit und Ehrlichkeit kriegt man meistens das, was man möchte.

Und wenn du draußen bist? Wird das durch Zuschauer dann nicht irgendwann komisch?
Wenn ich draußen Akt fotografiere, dann eigentlich immer irgendwo in der Einöde, in einem größeren Park oder am Strand oder in den Dünen. Ich mag das auch nicht, wenn andere Leute dabei sind. Dann kommen ganz schnell Zuschauer, und das zerstört die Atmosphäre und Stimmung.

Ich bin mal aus Versehen in aller Frühe in ein Shooting auf dem Tempelhofer Feld geplatzt, bin dann aber auch ganz schnell weiter gegangen. Eben weil sie ja ihre Ruhe haben wollen.
99% der Leute machen das auch so, aber irgendwann kommt dann trotzdem der erste Gaffer…

Möchtest du mit deinen Fotos eigentlich etwas vermitteln?
Uh, schwierige Frage. Eigentlich war es nie meine Intention, irgendwas in Form einer Story oder einer Message zu vermitteln. Ich habe großen Respekt vor Fotografen, die in diese Richtung gehen, sich mit einem Thema beschäftigen und ein Portfolio zu einer Thematik aufbauen, aber sowas ist sehr zeitintensiv, und diese Zeit habe ich nicht. Es ist ja ein reines Hobby, als Kontrast zum Beruf. Ich hab da für mich nie andere Ziele außer einer minimalen Ästhetik definiert. Ich fotografiere einfach das, was mich bewegt, was ich als schön und interessant empfinde.

Ist doch völlig legitim! Ich bin ja auch nicht der Ansicht, dass ein Foto immer eine Story haben muss, es kann auch einfach schön sein.
Es gibt da unterschiedliche Typen von Künstlern. Der eine hat den Drang sich auszudrücken, der sucht sich dann sein Medium, dass zu ihm passt. Bei mir kam das eher von der anderen Seite, also das Medium war schon da, und ich suche dann nach der Schönheit im Bild, in der Komposition, im Motiv und so weiter. Bei Portraits gibt es vieles, das ich gerne noch machen würde, wofür ich aber auch mehr Zeit investieren muss. Aber ohne Menschen würde mir auch was fehlen. Ich hab zum Beispiel ein kleines Portraitprojekt gestartet – mit „normalen“ Menschen, ohne Models.

Kannst du darüber schon was erzählen oder ist das alles noch in der Mache oder streng geheim?
Streng geheim ist das nicht. Ich hab angefangen in einer Ballettschule zu fotografieren. Aber ich bin noch in der Kontaktphase, lerne gerade die Menschen kennen, das ist noch nicht so weit, dass ich das jetzt schon zeigen könnte.

Kam denn ein Model auch schon mit einer ganz konkreten Idee auf dich zu, oder geht das immer von dir aus?
Das kommt relativ häufig vor, aber wenn sich das Shooting anbahnt, klärt sich relativ schnell, was beide Seiten wollen. Es ist nicht so, dass ich ganz klar definiere, was getan wird oder starr an meinem Konzept hängen bleibe. Eigentlich sogar im Gegenteil: gerade wenn das Model etwas mitbringt oder eine Stärke hat, mit der ich nicht gerechnet habe, dann mache ich nichts lieber als das Shooting komplett umzukrempeln und daraufhin neu auszurichten. Ein Model hatte mal einen Latexanzug dabei, was nicht wirklich zu mir oder meiner Arbeit passt, aber irgendwie war es interessant, und wir haben es dann auch für Fotos benutzt. Das ist auch spannend, wenn eine Interaktion stattfindet, wenn beiderseitig Ideen eingebracht werden.

Hast du denn immer alle Kameras dabei bei einem Shooting?
Nein, ich hab immer zwei, drei Lieblingskameras, die allerdings alle paar Wochen wechseln. Eine Kamera kann mich faszinieren und ich nutze sie für Wochen ununterbrochen, bis sie dann sechs Monate unbenutzt im Regal steht, weil eine andere mich für sich gewonnen hat. Kommt immer drauf an was mich gerade interessiert und welche Kamera in dem Moment meine Idee unterstützt.

Und wie siehts mit Nachbearbeitung aus? Bist du noch in der Dunkelkammer unterwegs oder ist vermehrt digital?
Am Anfang hatte ich so ein bisschen die Befürchtung, dass meine Negative wohl eher mittelmäßig sind und allein die digitale Scantechnik die Bilder interessant erscheinen lässt. Als ich dann Zugang zu einer Dunkelkammer bekam und die ersten analogen Prints machen konnte, war das ein gutes Gefühl, denn die Bilder sahen aus wie die gescannten. Das ist dann auch ein bisschen Bestätigung, dass das Foto schon beim Fotografieren entstanden ist und nicht erst durch Hinbiegen in der Nachbearbeitung.

Machst du trotzdem viel Nachbearbeitung oder hält es sich in Grenzen?
Die meisten meiner Fotos würden in der Dunkelkammer wohl sehr ähnlich aussehen wie die gescannten. Photoshop nutze ich meist nur zum entfusseln und für kleine Anpassungen der Gradationskurve. Wenn ich mir die Roh-Scans und die bearbeiteten Bilder anschaue, sehe ich meist nur auf den zweiten Blick einen Unterschied. Es kam schon vor, dass ich einem Magazin ein unbearbeitetes Bild geschickt habe, weil ich die beiden Versionen verwechselt habe. Ich wusste noch, dass ich im Bild eine Steckdose weggestempelt hatte. Und was taucht natürlich im Magazin auf? (lacht)

Lass uns mal beim Digitalen bleiben: dein Photostream bei Flickr ist ja sehr beliebt, wie wichtig sind dir denn solche Onlinedienste?
Schon sehr wichtig, ja. Allein schon wegen der Publicity, die man dadurch kriegt. Ich hab viele tolle Leute kennengelernt, viele Anfragen von Magazinen bekommen etc., und das alles nur, weil ich Bilder online stelle. Ich fliege zum Beispiel in einer Woche nach Las Vegas, das Angebot kam nur, weil die Leute dort mich über Facebook und Flickr kennengelernt haben, und jetzt machen wir zusammen Online-Workshops. Das ist der eine Aspekt.
Der andere ist das Feedback, also wie die Bilder ankommen. Weniger Kommentare wie “Schlecht” oder “Langweilig”, aber an der Masse des Feedbacks merkt man, ob etwas gut ankommt oder nicht. Es gibt Fotos, auf die ich wirklich stolz bin, aber dann lade ich es hoch und es kommt kaum Feedback, und dann gibt es Fotos, die ich eher langweilig finde und die Leute überschlagen sich vor Lob. Was man persönlich schön und wichtig findet muss nicht das sein, was die Welt toll findet — und umgekehrt.

Orientierst du dich denn auch am Feedback? Also zeigst du eher Fotos, von denen du weisst, dass sie besser ankommen als andere?
Interessante Sache, darüber diskutiere ich oft auch mit anderen Fotografen. Es tut schon fast weh, wenn das positive Feedback zu einem Foto, dass einem sehr wichtig ist, ausbleibt. Aber es ist auch ein Check gegenüber einem selbst, was einem wichtiger ist: was die Leute sagen, oder was man selber als schön empfindet? Man kann schon hier und da mal der Versuchung erliegen, in Schemen zu verfallen, von denen man weiss, dass sie gut ankommen. Ich habe mir schon selbst Verbote auferlegt, bestimmte Sachen nicht mehr zu machen, zum Beispiel das Model auf das Bett zu legen: „Egal was ich mache, das Model liegt nicht auf dem Bett!“ (lacht)

Du erwähntest eben, dass du auch Workshops gibst?
So in der Art. Es gibt das Framed Network, eine Online-Show für Fotografen, die haben letztes Jahr eine neue Serie namens „Film“ für Filmfotografen gemacht: 16 Episoden, die sich mit ganz verschiedenen Aspekten der Fotografie beschäftigt haben, zum Beispiel Portraits, Indoor fotografieren oder der Umgang mit Blitzen. Die Serie wurde von drei Fotografen aus den USA gemacht, und die haben mich als Special Guest für einige der Episoden eingeladen, in denen ich ihnen meine Arbeitsweise und die Großformatfotografie gezeigt habe. Und in einer Woche beginnen die Dreharbeiten für die zweite Staffel, dieses Mal dann mit fünf Fotografen, wieder mit verschiedensten Themen. Das macht unheimlich viel Spaß, und es ist natürlich auch wieder tolle Publicity.

Zeigst du deine Fotos auch woanders, z.B. in Ausstellungen?
Nichts großes, eher kleinere Sachen – zum Beispiel macht ein spanisches Magazin demnächst eine kleine Ausstellung und da werden auch drei vier Bilder von mir hängen. Worauf ich sehr gerne eingehe und Zeit investieren sind Veröffentlichungen in Magazinen. Das ist immer nett, seine Bilder im Fotomagazin am Zeitungskiosk zu finden, und es gibt gutes Feedback. Interessant ist auch, dass man meistens Veröffentlichungen in Printmagazinen mehr wertschätzt als Onlineveröffentlichungen wie z.B. ein Feature auf einem Blog. Meine Erfahrung ist genau andersrum: ich bekomme nach Veröffentlichung auf einem guten Blog wesentlich mehr Feedback als bei einer Veröffentlichung im Fotomagazin XY. Die Interviews in Blogs sind meistens interessanter, in Magazinen wird es doch recht schnell stereotypisch. Das mag auch den Magazinen und ihrem Klientel geschuldet sein, die sind teilweise schon sehr technikverliebt. Blogs sind da oft tiefgründiger, wohl weil sie unabhängiger sind von Werbung etc.

Das ist auch das, was mich an der Fotografie hält: jedes bisschen Zeit, das ich dafür frei machen kann, ist eine gute Zeit.
Mal zu was ganz anderem, ich habe auf deinem Blog die Fotos von Atlantic City gesehen, die mir gut gefielen. War das eine einmalige Geschichte, oder kommt da noch was in diese Richtung?
Es macht mir Spaß! Das sind irgendwelche Trips, die ich für die Arbeit machen durfte, und bevor ich in der knappen freien Zeit den Fernseher im Hotel anmache gehe ich doch lieber raus und mache Fotos. Atlantic City war toll, wenn auch echt kalt! Ich habe schon den Ansporn, mich in möglichst vielen Bereichen der Fotografie zu probieren, und gerade Street Photography kostet mich noch einiges an Überwindung. Aber Spaß machen tut es!

Und wie sieht die Zukunft bei dir aus?
Ich spiele immer wieder mit dem Gedanken, ob ich mit Fotografie nicht auch Geld verdienen könnte, aber so wirklich dazu durchringen konnte ich mich noch nicht. Ich hab einen sehr interessanten Job, komme viel rum, meine Kollegen sind aus ganz Europa… den dann aufzugeben, das ist schon ein großes Wagnis. Es wäre sicher nicht leicht, aber ich schließe es auch nicht aus. Fotografisch hoffe ich auf mehr Zeit, dass ich auch noch mehr ausprobieren kann. Es macht mir einfach Spaß. Selbst die kurze Zeit in Atlantic City, wo ich nur ein paar Stunden draußen mit der Kamera rumhüpfen konnte. Genau dann bin ich in meinem Element und freu mich wie ein kleines Kind. Das ist auch das, was mich an der Fotografie hält: jedes bisschen Zeit, das ich dafür frei machen kann, ist eine gute Zeit.

Links

Portfolio: http://www.micmojo.com
Blog: http://www.blog.micmojo.com
Facebook: http://www.facebook.com/micmojo.photography

Im Gespräch mit Rüdiger Beckmann

Ich hatte es mir so einfach vorgestellt. Einmal treffen, mit vorbereiteten Fragen einen roten Faden haben, der sich auch durch das Gespräch ziehen wird. Das Ganze aufnehmen, transkribieren, abnehmen lassen und glücklich sein. Dass es drei Treffen und ungezählte Mails brauchte, dass hätte ich nicht gedacht. Aber so wie Rüdiger Beckmann fotografiert, so führt er auch Interviews: in einem Prozess, der aufgebaut werden will. Ein Prozess, der gut und richtig und wichtig war, und der, denke ich, nicht nur mir etwas gebracht hat.

Ich bin glücklich und freue mich, ihn hier als Premiere haben zu dürfen!

So, du bist die Premiere, gewissermaßen mein Versuchskaninchen.
Na dann mal los.

Fangen wir einfach vorne an, wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich habe die Fotografie im Studium gefunden, d.h. eigentlich neben meinem Studium, weil ich was anderes studiert habe.

Was hast du denn studiert?
Illustration und Kommunikationsdesign. Ich bin froh, dass ich so lange an dieser Schule war, denn ich hab da viel über den Lernprozess an und für sich gelernt. Zum Beispiel immer wieder differenziert zu entscheiden, welches Feedback wichtig ist und welches destruktiv, in welchem Fall du ein Problem mit dir selbst hast und wann eher mit dem Rest der Welt, und an welchen Problemen du arbeiten kannst und an welchen du dir eher die Zähne ausbeißt. Das hat mir sehr geholfen. Das sind Dinge, die man autodidaktisch im Internet nur schwer lernen kann.

Die Vergleichsmöglichkeiten waren zu der Zeit ja vermutlich auch anders als heute.
Welche Möglichkeiten?

Na wenn man ja mit etwas anfängt, legt man los und schaut, wie es funktioniert und vergleicht sich dann ganz automatisch mit anderen.
Ja richtig, die ersten Schritte sind wohl immer, dass man kopiert, emuliert und vergleicht. Man guckt halt, ob man das auch kann, was die anderen zeigen, und zwei, drei Wochen später ist man durch damit, und dann muss was Neues kommen. Das hab ich am Anfang ja auch so gemacht. Glücklicherweise konnte ich die Ergebnisse damals noch nirgends ins Internet stellen.

Damals…
Ja okay, heute braucht man vielleicht etwas länger dafür, alles zu sichten, aber man muss sich ja auch nicht mit allem beschäftigen. Nenn mich arrogant, aber ich finde es logisch, dass einen 99,99% aller existierenden anderen Bilder für den eigenen Weg nicht interessieren. Aber sie sind notwendig, um Vorbilder auszumachen und sich von anderen abzugrenzen.

Ich finde es etwas merkwürdig, dass viele Fotografen kaum in Fotoausstellungen gehen oder sich wirklich tolle Bücher herausragender Fotografen anschauen, aber alle Facebook-Memes kennen und sich tagtäglich mit schrecklichen Bildern beschäftigen, weil sie sie halt gefüttert kriegen.

Dann lass uns doch über bessere Bilder reden, nämlich deine. Hast du immer nur Personen fotografiert oder auch mal was anderes?
Nein, nie etwas anderes. Natürlich habe ich auch mal St. Pauli fotografiert, emotional und sexy, so wie ich Frauen fotografiere, aber als Thema hat mich nie irgendwas anderes als eine Frau interessiert. Wobei es noch nicht mal wirklich das ist, mich interessiert eigentlich der Dialog.

Also ist das Foto eigentlich nur eine Art Beiprodukt?
Ja, auf jeden Fall. Wenn ich rausgehe und einen Baum fotografiere, dann ist die Begegnung limitiert. Das ist auch ein bisschen ein Klischee, das wir beigebracht kriegen: zuerst fotografiert man Architektur, denn die kann sich nicht wehren, das zweite sind Bäume, dann passiert ja gelegentlich noch Bewegung und sowas, und zwischendurch vielleicht noch Haustiere… und dann kommen irgendwann Menschen, die tatsächlich interagieren.

Diese Interaktion ist spannend, und für mich ist der krönende Abschluss, wenn die Person nicht nur mit mir agiert, sondern auch vor allem mit sich selbst, wenn sie so tief in sich eintaucht, dass sie zum Schluss etwas Neues erfahren hat. Das ist der ganze Sinn der Sache. Ich hätte keine Lust, täglich einfach nur immer wieder zu beweisen, dass ich ein guter Fotograf bin und sie eine schöne Frau. Für mich muss da noch etwas mehr geschehen.

Eigentlich kann das bei dir ja auch gar nicht passieren, Sessions machst du ja mit einem gewissen Zeitabstand, in dem ja auch etwas passiert im Leben der anderen Person.
Genau, und auch in meinem Leben. Wobei das nicht immer zum Vorteil ist. Es passieren ja auch Krisen, Sachen, wo z.B. die Hälfte der bisherigen Sessions wieder völlig in Frage gestellt werden. Aber das ist total spannend. Das unterscheidet sich halt von dieser konventionellen Shootingidee.

Genau. Ich las irgendwo, dass du irgendwann mal ein Model fotografieren willst, wie sie wirklich ist.
Ha! Ich erinnere mich, ja. Ich meinte allerdings so ein richtiges Supermodel, die es seit Jahren gewohnt ist, mit sich als Kapital umzugehen. Ich fand die Idee ganz spannend, bisher hat sich aber keine angeboten.

Wo findest du denn die Menschen, die du fotografierst? Du sagst ja selber, dass du kein Fan von der Modelkartei bist, dass du keine Models fotografierst…
…ich möchte keine Models fotografieren, wenn sie sich für Models halten.

Ich finde so ein Katalogsystem in Ordnung, um Fotografen zu vergleichen, denn hier stehen ihre Skills, ihr Stil oder Ansatz, ihre Dienstleistung zur Debatte. Das soll aus dem Profi-Foto-Business entlehnt sein und Professionalität versprühen. Aber lässt sich das genauso auf Modelle übertragen?

Ich glaube, ich habe so ein Problem mit diesen Karteien, weil ich oft beobachtet habe, dass sich das Selbstverständnis etwas verändert, wenn man nicht aufpasst. Den Frauen wird dort von allen Seiten suggeriert, dass sie selbst eine Art Produkt sind, das sie anpreisen: Sie beschreiben ihre Maße, ihre Qualitäten, die Dinge, die sie zu tun bereit sind, und dementsprechend werden sie dann gebucht. Welche Frau hätte so ein System erfunden?

Naja, und weil die Neulinge denken, dass man da so mitmachen muss, um günstig an Fotos zu kommen, begeben sie sich unbedarft in diese merkwürdige von Fotografen und Computernerds geschaffene Welt, lernen komische Begriffe wie »TFP« und »H&M« und »Akt nur auf Pay« und »Fahrtkostenerstattung« und sind zum Schluss als Menschen kaum noch wiederzuerkennen vor lauter »Professionalität«. Wie sie sich selbst dabei verbiegen, bemerken sie kaum, weil ihnen zu Anfang noch die Erfahrung fehlt. Im Vordergrund steht das Ziel, sich gegen die anderen zu behaupten, um an tolle Bilder zu kommen. Es wird natürlich suggeriert, dass du als Modell Erfahrung brauchst. Je mehr Sessions, desto besser. Niemand wird dich in dieser Anfangszeit kritisieren. Unbewusst wird so eine Art von Verfügbarkeit erreicht. Deine Belohnung ist die wachsende Sedcard, die irgendwann genauso bunt und voll und langweilig und austauschbar aussieht wie von den anderen – ein Panini-Sammelbilderalbum.

Der Wert, den man in diesem System gewinnt, ist ein Erfahrungswert: Vorher kannst du es noch nicht beurteilen, und hinterher ist es zu spät. Wie gut diese merkwürdigen Vanity-Systeme funktionieren, sieht man an Seiten wie Suicide Girls. Nach Jahren fragst du dich dann, warum zum Teufel du so viel Zeit damit verbracht hast. Die meiste Zeit bist du eher damit beschäftigt, dir komische Leute vom Leib zu halten, die denken, sie haben eine Lizenz zum Nerven, weil ja beide in derselben Branche sind (lacht).

Versteh mich nicht falsch, ich gönne jedem sein Hobby. Ich habe aber den Eindruck, die Frauen bekommen da selten, was sie ursprünglich wollten. Die meisten, die ich kenne, haben das ein paar Jahre gemacht, und sind von der Ausbeute im Nachhinein sehr enttäuscht. Im Grunde sind sie doch Hausfrauen. Oder Sportlehrerinnen. Floristinnen, Grafikerinnen, Studentinnen. Naja, richtige Menschen halt. Keine Models.

Aber sind denn Hausfrauen und Sportlehrerinnen und Studentinnen nicht trotzdem auch die Menschen, die du fotografierst?
Ja, natürlich!

Also wo ist der Unterschied?
Man driftet ab in diesen Systemen. Du beschäftigst dich den ganzen Tag mit tausend unwichtigen Sachen, aber es geht da im Grunde selten um Bilder. Ich habe mir diese Vergleichsgeschichten ein paar Jahre lang angehört. »Der hat damals die fotografiert, und er hatte sicher auch was mit ihr, und sie tourt jetzt in der Weltgeschichte rum und guckt mich mit dem Arsch nicht mehr an. Und der Fotograf fand mich toll, er meinte, wenn ich zu ihm gehe, dann bleibt es auch nicht bei Bildern, etc. pipapo … «

Dann habe ich bemerkt, wie wohltuend es ist, Leute zu fotografieren, die damit gar nichts am Hut haben, die lediglich Bilder suchen und nicht diese Vergleicherei drum herum. Seitdem suche ich nicht mehr dort.

Was würdest Du denn anders machen?
Wäre ich eine Frau auf der Suche nach Fotos, würde ich mir die Fotografen mit Verstand anschauen und zwei bis drei anschreiben, die mir wirklich gefallen. Aber ich käme nicht auf den Gedanken, mich selbst dort einzureihen und als Modell zur Diskussion zu stellen. Stolz und Geschmack sind die besten Waffen, die machen eine Person doch erst so richtig spannend …

Fair enough, aber Leute, die spannend sind, die suchen wir doch alle.
Ja, aber die gibt es doch auch überall. Auf der Straße, im Supermarkt, am Tresen in der Kneipe, im Zug, wenn ich zu meiner Freundin fahre, sogar in meiner eigenen Wohnung, weil ich eine Mitbewohnerin habe, die das mal ausprobieren will. Dieses Gefühl, dass du noch nicht genügend spannende Leute zum Knipsen kennst, hast du wirklich nur ganz am Anfang. Seit Facebook wollen doch sowieso alle supersexy Bilder von sich haben.

Guck mal, mein Ansatz ist extrem speziell, deshalb kann ich gut verstehen, dass 99% aller Leute sich im Leben nicht vorstellen könnten, von mir fotografiert zu werden. Trotzdem fragen immer viel viel mehr Leute an als man jemals fotografieren könnte.

Ist das bei dir so?
Zu meinen aktivsten Community-Zeiten hatte ich 35 bis 50 Anfragen pro Woche. Das machte irgendwann viel unkonstruktive Arbeit und gab auch oft genug Zoff. Es ist halt nervig, wenn die Leute mit so einer Ablehnung ihre eigene Wertigkeit in Frage stellen, weil sie es in diesem System so gelernt haben. Das war der Grund, warum ich mich irgendwann aus den Karteien gelöscht habe und z. B. auch auf Flickr nicht nach Modellen suche.

Ich muss ja sehr stringent auswählen: Weil es mir um den Weg geht, den wir zurücklegen, fotografiere ich immer eher Leute, die schon hier waren. Und ich fotografiere selten. Das bedeutet, dass es ohnehin nur ein ganz kleines Fenster für neue Leute gibt: In den drei Jahren seit Veröffentlichung meines Buches habe ich nur eine neue Person angenommen.

Und wonach wählst du die aus?
Ich wähle aus … nach dem Lustprinzip. Wenn ich denke, dass spannende Dinge passieren könnten, die mir die Person vielleicht zeigt. Das ist die Idee des ersten Tests. Da gabs Leute, bei denen ich merkte, dass wir überhaupt nicht zusammen kommen. Oder wo es ziemlich gut und interessant aussah, wo aber ab dem zweiten Mal nichts mehr passierte. Oder der erste Test lief völlig schief, und die Person ist dann aber auf den Geschmack gekommen. Das ist ein spannender Prozess, wenn man bereit dazu ist.

Wenn du von „Test“ sprichst, meinst du schon eine komplette Session?
Richtig, wobei es schwierig ist, beim ersten Mal von einer Session mit allem Drum und Dran zu reden, denn der eigentliche Gedankenprozess, das Reflektieren, das geht erst danach los. Eigentlich ist das sogar ein bisschen böse, denn die allerbesten Voraussetzungen, dass es toll wird, dass man unbefangen Dinge zeigt, nicht voreingenommen ist, das hat man eigentlich in der ersten Session. Nachher muss man sich die Unbefangenheit erst wieder erkämpfen.

Aber das weiss man da ja noch nicht, und dann ist man ängstlich und denkt sich „Kann ich das überhaupt? Tauge ich, kriege ich das hin, von was auch immer der Typ da in seinem Buch redet?”. Eigentlich sind diese Gedanken unerheblich, man muss sich selbst davon wieder freimachen. Das erste Mal beweist man sich eigentlich nur, dass es geht. Danach geht es dann richtig los: Was wäre denn, wenn ich heute dieses mache, wenn ich jenes thematisiere, habe ich nicht noch ganz andere Sachen, die ich zeigen könnte, sehen wollen würde?

Ich merkte, dass der fortschreitende Prozess das Spannende ist. Also hörte ich auf, Leute nur ein einziges Mal zu fotografieren. Da wird für mich so viel Potenzial verschenkt von dem, was da noch alles passieren könnte. Wenn du mich fragst, was ein gutes Bild für mich als Fotografen ganz persönlich ausmacht, dann ist es nicht die Bestätigung der Bestätigung der Bestätigung, sondern auch der nächste logische Schritt. Zu sagen „Und sonst so? Was noch?“ Und die Bilder, die übrigbleiben, die ich nach Jahren an die Wand hänge, das sind meist diese „Und sonst so?”-Bilder und nicht die ersten.

Kannst du denn zu allen Bildern die Session noch zuordnen?
Auf jeden Fall! Das ist von der Reihenfolge her ganz klar. Es gibt sicher Ausnahmen, wenn die Sessions sehr eng beieinander liegen, aber zu den allermeisten Sessions fällt mir eine Nummer ein, und man sieht in jedem Fall, welche Session nach welcher Session kam. Und es ist nicht unbedingt so, dass die nachfolgenden Sessions automatisch die besseren sind. Manchmal geht man auch einen Schritt zurück, weil man sich wohler gefühlt hat, oder möchte später noch woandershin abbiegen.

Sonst wäre ja auch immer die letzte Session die beste.
Genau. Aber es gibt Fragen, die man sich selbst erst stellen kann, wenn sie auftauchen. Ich erinnere mich ganz gut an an eine Frau, mit der ich drei Aktsessions hatte, und beim nächsten Treffen fragte sie mich, ob sie nicht auch mal wieder angezogen bleiben könnte. Sie dachte, das ginge jetzt nicht mehr, das mit dem Ausziehen wäre eine logische Konsequenz. Man weiss sowas nicht, bis es passiert. Wir fanden das ganz lustig, als wir es realisierten.

Gut, du sagst also, dass du den Menschen fotografieren willst, nicht die Oberfläche.
Ja gut, das Bild hält natürlich die Oberflächen fest, aber der Mensch sieht anders aus. Wenn er sich zum Beispiel anders verhält als einfach nur gefallen zu wollen. Jeder Mensch ist da anders, z.b. wenn Leute die schon immer aggro und arrogant und scheisse und unnahbar waren und das dann total großartig aussieht. Es geht ja auch nicht darum, den Willen der Person zu brechen, sie soll einfach repräsentiert werden, wie sie sich repräsentiert sehen möchte. Aber wenn es gut läuft, dann entstehen Bilder, die sich der Kontrolle entziehen, auf denen aus Versehen oder auch ganz gewollt eine Blöße erscheint. Das muss nichts negatives sein, das ist eigentlich sogar sehr positiv. Ich denke man lernt, das Bild von sich selbst zu erweitern.

Aber wie kommt man da hin? Wie läuft denn eine Session ab? Das Model kommt ja sicher nicht hier rein, unterschreibt den Model Release, du sagst ihr genau was du vorhast und wo das Bild dann später zu sehen sein wird…
Das ist ja das schöne an der Art, wie ich arbeite. Die Leute wissen schon vorher, dass es um nichts geht außer sie selbst. Es gibt keinen Zweck, es gibt keinen Zwang. Sie sitzt auf diesem Sofa, sie macht was sie will, und zum Schluss entsteht vielleicht ein Bild, das wir beide so toll finden, dass wir es irgendwo zeigen. Das ist alles.

Schön gesagt.
Ja, und dadurch wird der Rahmen zwar definiert, er ist aber gleichzeitig auch völlig offen. Wir sind nicht da, um z. B. ein Beautyshooting zu machen, damit die Person sich durch dieses Bild irgendwo besser verkaufen kann. Und wir sind auch nicht da, um Bilder für eine Bewerbung zu machen …

Ich habe das Gefühl, sobald ich eine Anweisung gebe, mache ich alle anderen Möglichkeiten zunichte.

…aber das heisst, du weisst im Vorfeld auch nicht, ob es funktionieren wird oder nicht.
Natürlich nicht, aber das ist ja auch unerheblich, davon muss man sich emanzipieren. Diese Zweckgebundenheit ist tödlich. Wenn es funktioniert, ist das ja nicht direkt eine Leistung, sondern eher ein Zufall.

Das meine ich ja, gerade weil du kein definiertes Setting hast und die Person nicht deswegen ausgewählt hast, sondern einfach guckst, was passiert.
Und das funktioniert nicht immer. Es gibt ja tausend Gründe, warum es nicht klappen könnte. Eigentlich ist es ja schon ein ausgesprochener Glücksfall, wenn es funktioniert, und ich bin immer wieder erstaunt, wie oft das der Fall ist. Wenn hier jemand sitzt und merkt „Oh mein Gott, das klappt jetzt irgendwie überhaupt nicht”, ist das ja nichts Schlimmes, sondern vielleicht nur der erste Schritt zu etwas Bewussterem. Und genau an diesen Schritten bin ich interessiert.

Versuchst du denn ein auch ein wenig zu lenken?
Je nachdem, wie jeder es braucht. Bei Leuten mit Erfahrung habe ich ganz oft das Problem gehabt, dass sie damit nicht klar kamen, wenn ich ihnen nicht sagte, was sie tun sollen. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, dann bleibe ich lieber still. Ich habe das Gefühl, sobald ich eine Anweisung gebe, mache ich alle anderen Möglichkeiten zunichte. Das schönste ist, wenn es aus der Situation heraus von selber läuft.

Ist denn das Umfeld wichtig für dich?
Schon, ja. Es kam oft genug vor, dass sich die Person eine spannende Umgebung wünschte, einen Ballsaal oder ein Restaurant oder an die Elbe, im Sand suhlen oder sowas. Für mich persönlich ist das eher ablenkend, weil ich draußen und unter Leuten oft mit Publikum zu tun habe, was ich nicht schätze. Es gab da den Fall an der Elbe, wo sich die Frau im Wasser total toll gefühlt hat, aber dann haben sich dann auch Schaulustige mit Bierflaschen dazu gesetzt und rumgespannert. Sobald es mehrere Bezugspersonen gibt, sobald es weg geht von dieser Intimität, dann wird es schwierig. Und diese Intimität haben wir am besten hier zuhause. Obwohl wir auch schon in der Dusche Bilder gemacht haben, wo dann zwischendurch die Mitbewohnerin mit ihrer Familie hinter mir durch den Flur lief … das war schon lustig.

Generell ist aber alles darauf angelegt, dass sich alle wohl fühlen, und das geht hier gut. Meine Küche, meine Dusche, mein Dachboden haben sich ja nicht zur Location entwickelt, weil sie besonders geeignet waren, sondern weil sie einfach da waren. Aber ich finde interessant, wie verschieden diese eine Couch mit dieser einen Stehlampe und dieser einen Tapete oder Wand auf den Bildern wirkt, je nachdem, wer davor sitzt.

Jetzt hole ich mal zu Helmut Newton aus, der ja fotografierte, was er begehrte, was dazu führte, dass alles immer gleich aussah. Wie ist das bei dir? Fotografierst du, was du begehrst, oder lässt du machen?
Ich fotografiere immer nur nach dem Lustprinzip. Etwas, von dem ich denke, dass es für die Fotografierte spannend sein könnte. Was das dann jeweils ist, das entsteht aus der Situation heraus. Es entstehen aber auch Bilder, an denen ich gar nicht teilhabe, weder motorisch, noch ordnend oder kontrollierend, die ganz nebenbei entstehen, und die plötzlich zu den besten gehören. Ich würde nicht sagen, dass alles, was du siehst, durch meinen Wahrnehmungsfilter gegangen ist, aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Ich habe mich zwischendurch schon oft dabei ertappt, zu versuchen, die portraitierte Person in irgendwelche Situationen zu bringen, mit denen sie nicht vertraut war, damit ich ein Bild von ihr erwische, auf dem sie nicht kontrolliert ist. Das sind so Tricks und Kniffe, die man anwenden kann, damit kommt aber auch nur bis zu einem gewissen Punkt, irgendwo ist immer eine Grenze. Meist merken es beide im Laufe der Session und lachen drüber.

Spannend wird es, wenn es im Einvernehmen mit der Person einen Flow gibt, den wir festhalten. Mein eigenes Lustprinzip hat mit der Person selbst nicht unbedingt etwas zu tun. Wenn ich viel fotografiere, dann kann es auch sein, dass diese Energien von einem Shooting ins nächste mit einer ganz anderen Person überschwappt, es kann aber auch gut sein, dass ich überhaupt nichts einbringe und die Person vor der Kamera alles macht. Aber in all den Jahren lernte ich, mir über all das möglichst wenig Gedanken zu machen. Das klappt am besten.

Aber wenn wir von Begehren reden, muss ich kurz einhaken. Da wird ja meist dieses sexuelle Begehren verstanden. Ich denke schon, dass manchmal eine sexuelle Energie eine Rolle spielen kann, aber oft genug steht sie auch im Weg. Vielleicht lernst du, für den Fotografen attraktiv sein zu wollen, aber dann wäre der nächste logische Schritt, zu überdenken, warum man sich denn da so begehrlich macht, und sich davon auch wieder zu emanzipieren.

Ich finde es sehr spannend, dass meine Art der Fotografie mit jemandem funktioniert, der 16 Jahre alt und behütet von Mama und Papa ist, aber auch mit jemandem, der 35 Jahre alt ist und schon sehr lange klar im Leben steht. Es ist schön, dass beide Bilder problemlos nebeneinander stehen können. Das ist für mich ein gutes Zeichen. Hätte ich einen anderen Fokus, wäre das wohl nicht möglich. Im Grunde bleiben es Portraits, die die Person fangen wollen, wie sie zu dem Zeitpunkt ist.

Ich mag die nächste Frage ja nicht, aber ich stelle sie trotzdem: Warum das Ganze?
Sieht man das nicht?

Eben, deswegen mag ich sie ja nicht. Wenn man sie stellen muss, suggeriert man automatisch, dass man es nicht oder nur teilweise verstanden hat.
Haha, okay!

Es gibt zum Beispiel das Foto mit den Tackerklammern, es hat diesen Sticker vom Labor, und Leute beschweren sich, dass da diese weiße Fläche ist und dass sie es aussortiert hätten. Das sind – vielleicht – auch die Leute, die nach dem Sinn fragen würden.
Aber sind das nicht Leute, die den Sinn ohnehin nie verstehen werden? Unverständnis beruht ja nicht auf einem Mangel an Fakten, sondern ist einfach ein Mangel an Erfahrung. Du kannst niemandem erklären, wie Pistazieneis schmeckt. Und denen, die es kennen, musst du es nicht erklären.

Aber es gibt auch Leute, die sich der Erfahrung entziehen, die sich dann bspw. sagen „Oh Mann, der wollte irgendwelche Dinge, ich hab das nicht verstanden, und dann bin ich halt wieder gegangen”.

Du redest jetzt von der Person, die du fotografierst.
Ja. Jemand, der noch keine Erfahrung vor der Kamera hat, unterstellt mir sicher, dass es ein Gefälle gibt, weil ich schon tausend mal fotografiert habe und deshalb genau weiss, was ich tu. Aber: Jede Session mit einer neuen Person ist auch für mich eine ganz neue Session. Klar erkenne ich irgendwann vielleicht Muster, aber eigentlich muss ich jedes Mal komplett neu da reingehen und offen für alles sein. Nach Schema F vorzugehen, ist nicht Sinn der Sache. Damit würde ich der einzelnen Person nicht gerecht werden.

Die Schönheit auf den Bildern, die ich mache, die kommt daher, dass die Leute sich erkennen und sich stark fühlen, sich richtig fühlen.

Bedeutet das denn auch im Umkehrschluss, dass ein gutes Foto auch eins sein könnte, was dir nicht gefällt? Ein Foto, was nach deinen Maßstäben schlecht ist, aber die Person so zeigt, wie sie ist? Wäre es dann trotzdem ein gutes Foto?
Hehe … ja, klar, es ist eigentlich sogar das einzige Foto, was interessiert. Aber in diese Lage kommen wir nicht oft, denn wir sichten nicht immer alle Fotos zusammen, d.h. oft mache ich eine Vorauswahl, die ich für okay halte. Nur ganz selten wollen Personen alle Bilder sehen.

Du hast schon Recht, meine Autorität als Bildauswähler sollte man in Frage stellen, klar. Ein guter Freund von mir hat mal gesagt „Alter, wenn du tot bist, dann zeigen wir erst mal alle Fotos, die du selbst nie begriffen hast!“ – das ist doch eine ganz schöne Perspektive für meinen Nachlass.

Aber das ist interessant, d.h. du kennst gar nicht alle Bilder?
Du musst dir mal meine Vorgehensweise überlegen: Ich mache viele Bilder aufs Geratewohl, nicht die Bilder, die ich mir vorher zurecht lege. In einer Session verschieße ich zwischen 15 und 25 Filme, also etwa 300 bis 400 Bilder. Da gab es Sessions mit zwei Filmen, vollgepackt mit Perlen, und es gab Sessions mit 25 Filmen, bei denen am Ende vielleicht ein Foto was taugte. Wenn die Negative von der Entwicklung zurück kamen, habe ich die oft einfach nur gegens Licht gehalten und überlegt, welche Fotos von der Schärfe und von dem, was man sehen kann, hinkommen könnten, und dann oft aus Zeitgründen auch nur die gescannt. Das dürfte so grob die Hälfte aller Fotos sein. Da kommt wieder das Lustprinzip zum Vorschein, aber das ist ja nicht schlimm, solange dabei genug rauskommt.

Was für Kameras benutzt du denn?
Hier im Schrank liegen welche. Ach nee, das sind digitale Kameras, die sind ja egal.

Das heisst also Film. Und warum?
Ich benutze Kameras, die einen möglichst großen und hellen Lichtschacht haben, damit ich das Bild sehen und fühlen kann. Mit Sucherkameras klappt das nicht so gut. Groß ist dabei Pflicht, eine Hasselblad mit ihrem Lichtschacht und mit dieser minikleinen Lupe macht nicht so viel Spaß wie eine ordentliche Kiev 6. Es geht ja ums Fühlen, um dieses haptische. Deshalb auch die Kiev, da passiert immer etwas anderes als mit richtig guten Kameras. Die ganz perfekten Bilder sind mir meist etwas zu geleckt.

Den Fotos nach zu urteilen scheint es ja, dass du schon sehr weit weg vom technischem Perfektionismus bist.
Das weiss ich nicht. Wenn der Sinn der Sache ist, ein „makelloses“ Bild zu machen, dann ja.

Moment, also… nicht unbedingt.
Na, was ist denn der Sinn der Sache?

Ein gutes Bild zu machen.
Und was ist gut?

Das liegt im Auge des Betrachters (lacht)
Ach komm! Das sagen alle, die nicht wissen, was sie tun.

Okay, um deiner Definition zu entsprechen: ein Bild ist gut, wenn es den Menschen zeigt, nicht nur seine Oberfläche.
Ja, aber ich möchte natürlich trotzdem ein Bild schaffen, das erfreut. Ich suche keine Superlativen, egal in welche Richtung. Das heisst auch nicht, das ich mit der Schönheit auf dem Bild brechen will, ich suche ja kein alternatives Schönheitsideal oder so.

Aber die Schönheit auf den Bildern, die ich mache, die kommt daher, dass die Leute sich erkennen und sich stark fühlen, sich richtig fühlen. Und das ist z.b. etwas, was diametral dem gegenüber steht, was andere als Schönheit in einem Bild sehen. Die denken, wenn sie äußerlich schön sind, dann ist auch ihre Persönlichkeit schön. Für mich ist der Beweis nur genau andersrum möglich. Es geht natürlich um Schönheit, aber eben nicht um die Art Schönheit, die man durch die Medien suggeriert bekommt.

Natürliche Schönheit kommt von innen?
Ohne Scheiss, wenn es nicht schon ein Werbespruch wäre, ich würde ihn benutzen.

Ich habe in deinem Buch aber ausnahmslos schöne Frauen gesehen, selbst wenn sie nicht den Schönheitsidealen dieser Welt entsprechen.
Ja, ich suche im Grunde auch nur nach Schönheit. Aber was ich nicht gut finde, ist, wenn daraus das Selbstverständnis entsteht, wie man auszusehen hat, damit man für Bilder taugt. So entstehen diese allgemein akzeptierten und vielfotografierten Modeltypen, die ich sehr langweilig finde. Schöner ists, wenn man selbst noch nicht so recht wusste, was einen denn schön macht.

Ich glaub, die meisten haben sich eher gewundert, warum ich sie überhaupt frage. Und wir haben diese wunderschönen Sachen gefunden. Das ist doch großartig. Natürlich kannst du als Fotograf nicht gegen alle Schönheitsmagazine arbeiten, aber als Frau musst du daran auch nicht verzweifeln. Fotografiere ich eine schlanke Frau, dann wird immer wieder angenommen, dass ich sie nur deswegen fotografiert habe, weil sie schlank ist. Diese Diskussion hatte ich schon sehr oft, gerade weil ich viele junge Frauen fotografiere. Da wird gern kritisch gefragt: „Warum fotografierst du keine älteren Menschen?“ Das tu ich natürlich, es wird nur gern übersehen. Es gibt einige Menschen, die sind Ende 30, Anfang 40, die fotografiere ich schon seit 10 Jahren, und die werde ich hoffentlich auch in den nächsten 10 Jahren noch fotografieren.

Wenn ich aber reifere Frauen frage, die nicht aus meinem direkten Bekanntenkreis kommen, gibt es Vorbehalte. Sie wollen sich dann nicht mit meinen anderen Bildern vergleichen, weil sie Angst haben, dabei schlecht wegzukommen. Das finde ich ein bisschen schade, denn es ist eine selbsterfüllende Prophezeihung. Um das Motiv hinter den Bildern wirklich zu begreifen, muss man schon sehr genau hinschauen. Das bemerkt niemand, der sich einfach nur flüchtig meine Fotos im Stream anschaut.

Stream ist ein Stichwort: Du hast mir vor dem Interview erzählt, dass du dich weitestgehend aus den Social Networks zurückgezogen hast…
Ach, diese ganze Online-Welt wird für mich grad irgendwie immer unkonstruktiver. Klar findest du über die Jahre viele wirklich nette Leute und sogar Freunde, die bleiben. Aber die meisten Leute werden derzeit zu diesen Facebook-Selbstvermarktern erzogen, die irgendwas Diffuses erreichen wollen, von dem sie selbst noch gar nicht so genau wissen, was das überhaupt ist und wie sie es kriegen. Dabei erzeugen sie halt eine Menge Rauschen, das sich später wieder in bedeutungsloses Nichts auflöst. Kommunikation und Spam kommen ganz schön durcheinander.

Facebook hat mich darüber hinaus zu einer unglaublichen Blogmüdigkeit gebracht. Da hatte dann jeder Blog seine Fanpage, und ich bekam sie hautnah mit, aber dann merkte ich auch, wie sehr sich die anfangs autarken Stimmen immer mehr anglichen, immer mehr voneinander abschrieben, Themen rumreichten … Agendasurfing eben. Und das führte dazu, dass sich alles immer schneller und häufiger wiederholte.

Jeder Blogger dachte, er muss über das alles berichten, weil er seinem Publikum und den Klicks ja irgendwie verpflichtet ist, dabei ist das Gegenteil der Fall. Da denkst du dreimal am Tag: „Ja, wir wissen es, die und die neue Kamera ist jetzt rausgekommmen, was willst du mir jetzt auch noch dazu sagen?“ Diese Redundanz ist irgendwie das Gegenteil von Schwarmintelligenz.

Was würdest du dir denn wünschen?
Der Sinn von Blogs ist für mich, dass man etwas zu sagen hat, was über das Marketinggewäsch hinaus geht, eine eigene Stimme mit einer eigenen Meinung, die sich von anderen abhebt. Und das geht seit Facebook ordentlich verloren, und das finde ich schade. Toll war es eher so: „Hier, das ist meine Meinung, dazu stehe ich, und jetzt erzählt mir mal, was ihr dazu zu sagen habt, dann können wir drüber reden.“ Diese Gesamtheit der Meinungen hat dann mein vollständiges Bild der Presselandschaft ergeben.

Wenn aber jeder nur noch vom anderen abschreibt und sich zudem auch nicht mehr aus dem Fenster lehnt, weil er Angst hat, auf die Fresse zu kriegen vom Instant-Feedback, dann bemerke ich die Individuen ja irgendwann gar nicht mehr.

Ich denke, dass Blogger oder Publisher von PDF Magazinen viel zu stark den Drang verfolgen, sich selbst multiplizieren zu wollen. Expandieren, bekanntwerden, Beiträge und Leser rekrutieren geht immer eine Zeitlang gut, bis es dann kippt und völlig beliebig und langweilig und doof wird, wenn keine Vision, kein richtiger Kurator dahinter steht.

Blogs sollten bedingungslos persönlich sein – es gibt Blogs, die ich verfolge, die schreiben so, wie sie schreiben, weil sie gar nicht anders können. Die legen sich dadurch zwar mit allen möglichen Leuten an, aber das macht sie auch begreifbar, und das rechne ich ihnen hoch an.

So möchte ich auch wahrgenommen werden – die Beliebtheit, die sich in Zahlen messen lässt, ist halt nicht die Beliebtheit, die man durch das tatsächliche fühlbare Sein hat.

Ich will doch nicht unglaublich viele Leute erreichen, und mache mich zu diesem Zweck möglichst undurchsichtig und unangreifbar. Ich will die richtigen erreichen, und auch richtig verstanden werden. Ich denke, dazu muss man eine klare Position ergreifen. Das wünsche ich mir auch bei anderen.

Hast du denn noch Pläne, wie es weitergehen soll?
Es gibt ein paar Ausstellungen dieses Jahr, die erste im April in Dresden, dann Mai, Juni und im Herbst auch noch ein, zwei. Weiter geht es ja immer. Die Bilder bleiben, und es wird auch immer wieder mal neue geben, wenn ich es hinkriege. Von meinem Buch werden dieses Jahr die letzten verkauft, und wenn die weg sind, mache ich bestimmt nächstes Jahr etwas ganz Neues.

Links

Portfolio: http://www.pixelwelten.de/
Buch: http://www.beyond-vanity.com/
Facebook: https://www.facebook.com/pixelwelten.photography

Über das Rauchen

Als ich 12 Jahre alt war habe ich angefangen.

Wie das halt so ist, man hat sich einen leicht falschen besten Kumpel beziehungsweise Freundeskreis ausgesucht, weil man irgendwo zugehörig sein will. Ob es Gruppenzwang war oder ich einfach nur mitgezogen habe weiss ich heute nicht mehr, aber darüber bin ich an die erste Zigarette gekommen. War ja auch nicht schwer, eine Schachtel West mit 24 Zigaretten kostete 4,50 DM, wenn das Taschengeld doch mal nicht reichte ging man eben zu dem einen Kiosk, der unter der Theke auch einzelne verkaufte, das Stück für 30 Pfennig. Am Anfang nur gepafft, einfach weil ich es nicht besser wusste. Irgendwann lachte mich mal jemand deswegen aus und zeigte mir dann, wie das mit diesem “auf Lunge”-rauchen geht. Der Hustenanfall danach war heftig, das Gefühl allerdings auch, irgendwie beruhigend, entspannend. So fing es an. Ich muss total naiv gewesen sein, zu denken, dass es meinen Eltern nicht auffallen würde, aber tatsächlich bekommt man vom Geruch als Raucher nicht wirklich viel mit. Trotzdem, es war verbunden mit Heimlichtuerei und Lügen, irgendwie musste das neue “Hobby” ja versteckt werden.

Wir rauchten wie ein Schlot, hatten kleine Schatullen, in denen wir unsere Zigaretten bunkerten, und probierten selbst den abgefahrensten Mist aus, der selbst für Raucherverhältnisse eklig war: Mentholzigaretten, oder diese Pseudo-Zigarillos West Rollies, die zum einen so billig waren, dass man sie sich auch mit schmalem Geldbeutel leisten konnte und zum anderen so scheisse schmeckten, dass garantiert niemand von mir eine Zigarette wollte. Es fühlte sich okay an, wir waren ja trotzdem noch aktiv, spielten Street Hockey, Fussball, und irgendwie konnte das ganze uns nicht wirklich viel anhaben, glaube ich jedenfalls – zu der Zeit fühlte ich mich jedenfalls nicht schlecht. Wir dachten einfach nicht darüber nach. Warum auch. Es war ja cool.

Von den Eltern erwischt wurde ich zuhause, in meinem Zimmer, als meine Mutter reinkam und ich die Zigarette nur noch schnell in der Schublade verschwinden lassen konnte. Sie waren enttäuscht, was eigentlich noch viel schlimmer war als jede Strafe, die es hätte geben können. Der ehemals beste Freund wechselte die Schule und war weg, die Zigaretten blieben.

Ab der 11ten Klasse mussten wir uns in den Schulpausen nicht mehr im Gebüsch verstecken, sondern konnten ganz cool auf den Raucherhof gehen und mit hunderten anderen Mitschülern unserer Sucht nachgehen. Mittlerweile rauchte ich auch in meinem Zimmer. Wenn das Geld knapp war bastelten wir uns aus den Stummeln im Aschenbecher neue Zigaretten. Es half ein bisschen.

Meine Eltern waren verreist, ich sollte mit dem Hund Gassi gehen. Weil ich die Zigarette nicht ausmachen wollte lief ich vom meinem Zimmer durch das Treppenhaus, schnappte mir den Hund, rannte aus dem Haus, zog die Tür hinter mir zu und merkte erst in diesem Moment, dass ich keinen Schlüssel dabei hatte. An einem Samstag kosten Schlüsselnotdienste das doppelte, selbst wenn sie die Tür nicht geöffnet kriegen, außerdem bestehen sie auf Barzahlung. Mein Vater ließ ein paar Jahre zuvor alle Schlösser durch Hochsicherheitsdinger austauschen, da ihm Mittags in Bonn an einer stark frequentierten Straße innerhalb von nur fünf Minuten der Wagen gestohlen wurde, zusammen mit seinem Schlüsselbund. Wäre meine Cousine, die auf das Haus aufpassen sollte, nicht doch noch rechtzeitig gekommen, und hätte sie nicht den anderen Schlüssel gehabt, mein Urlaub auf Bali, der am nächsten Morgen starten sollte, hätte für mich nicht stattgefunden. Da war ich 17.

Als ich 22 Jahre alt wachte ich eines morgens auf und bekam keine Luft mehr. Eine Schachtel am Tag war ganz normal.

Neujahr 2004, es war fünf Uhr morgens und wir hatten keine Zigaretten mehr. Die Eltern von dem Freund, bei dem wir feierten, hatten als gute Gastgeber aber stets eine Schachtel im Haushalt. Lucky Strikes, die Packung kostete 4,20 DM. Sie muss älter gewesen sein als alles, was ich bisher rauchte, mindestens 10 Jahre, der Tabak war völlig ausgetrocknet und bröselig. Wir probierten es trotzdem. Es war eklig.

Mit 23 Jahren flogen mein Vater und ich nach Kuba. Nach dem Flug konnte ich nicht anders als mir an der ersten möglichen Stelle, noch auf dem Flughafen eine Zigarette anzuzünden. Vor ihm. Es war das erste Mal, dass ich vor einem Teil meiner Eltern rauchte. Er sagte nichts, aber was hätte er er auch groß tun sollen? Mich aufs Hotelzimmer schicken? Und mir war es egal.
Unser Busfahrer, der uns über Kuba fuhr, lachte ständig, und obwohl ich kein Wort verstand mochte ich ihn. Ich bot ihm eine Zigarette an, auf Kuba raucht ja wirklich jeder. Es war irgendeine mit Filter, ich weiss es nicht mehr, aber er lachte nur und drückte mir im Gegenzug eine von seinen in die Hand. Die Marke kannte ich nicht, sie hatte keinen Filter und war schwarz wie die Nacht, ein Wunder dass der Teer nicht tropfte. Zwei Züge, mehr schaffte ich nicht. Er lachte weiter.

Im Dezember 2006 hörte ich auf.

Einfach so. Und es ging. Wir fuhren sehr bald zum Snowboarden, und ich fing an, das fehlende Nikotin mit jede Menge Gras zu kompensieren. Während die anderen auf Apres Ski Parties feierten knallten wir uns den Kopf weg, redeten über die unsinnigsten Sachen und befriedigten unsere Fressflashs mit dem, was der Kühlschrank hergab, und den wir am nächsten Tag aus dem abartig teuren Supermarkt im Dorf nachfüllen mussten. Aber es war leichter zu kontrollieren. Ich kaufte nie selbst Dope, da ich in Mannheim niemanden vertrauenswürdiges kannte, hatte also vielleicht alle ein oder zwei Wochen mal ein Tüte bei Freunden. Dazwischen fehlte es mir nicht. und irgendwann ließ ich es komplett.

Im März 2007 dachte ich, das Gröbste sei überstanden. Wir waren für ein paar Tage bei einem Freund, ich hatte einen beschissenes Telefonat mit Ihr, mir ging es nicht gut, und ich setzte mich vor den kleinen Kamin, der nicht mehr benutzt wurde, außer zum reinaschen, wenn es draußen zu kalt war – im Haus durfte nicht geraucht werden. Ich war aufgewühlt, und die eine Zigarette, die ich aus der daneben liegenden Packung nahm, die wird mich nicht umbringen.

Im März 2007 fing ich wieder an.

Meine Freundin im zweiten Halbjahr 2007 war Nichtraucherin. Sie sagte mir, wie sehr es sie belaste, wenn ich auf dem Balkon noch eine rauchte und mich dann zu ihr ins Bett legte. Ich habe es nicht verstanden. So schlimm ist es doch nicht.

Während des Studiums erhöhte sich die Menge auf einen Big Pack, 25 Zigaretten am Tag. Zwischen den Vorlesungen zwei oder drei, zuhause sowieso ständig. Ich gefiel mir nicht, ich machte mir selber Vorwürfe, wieder angefangen zu haben, wo ich es doch tatsächlich geschafft hatte, nur um im nächsten Moment die nächste Zigarette anzuzünden. Ich machte keinen Sport, wurde dick. Mir fiel erst beim Auszug aus dem Studentenwohnheim auf, wie Gelb die Wände nach den drei Jahren geworden sind. Im Übergabeprotokoll wird später “Verwohnt” stehen.

Am 5. Juni 2008, einem Donnerstag, hatte ich 5€ in der Tasche und die Wahl, ob ich mir ‘Brügge sehen… und sterben?’ im Kino – Spätvorstellung, außerdem war Kinotag – anschaue oder aber eine Schachtel Zigaretten am Automaten ziehe. Ein sehr guter Film, meine Meinung zu Colin Farrell änderte sich über seine Rolle ziemlich. Davor kannte ich ihn nur als Darsteller in durchschnittlichen Actionfilmen wie ‘S.W.A.T.’, gruseligen Superheldenfilmen wie Daredevil oder in dem zugegeben gut gemachten ‘Nicht auflegen!’, der aber auch nicht lange in Erinnerung blieb. So grob gesagt sah ich in ihm ja bisher nicht so den großen Charakterdarsteller, hier fand ich ihn jedoch sehr überzeugend. Überhaupt sind es die kleineren beziehungsweise nicht ganz so bekannten Produktionen mit ihm, die wirklich Spaß machen, Intermission zum Beispiel, Cassandras Dream, oder Tigerland. Und dann natürlich Ralph Fiennes, von dem ich ja seit Strange Days aus dem Jahre 1995 ein Fan bin – und bei dem ich lustigerweise erst im letzten Harry Potter Film bemerkte, dass er Voldemort spielt.

Aber ich schweife ab.

Am nächsten Morgen ging ich laufen. Wenn man das noch als laufen bezeichen kann, denn mehr als zwei Kilometer schaffte ich nicht, und als ich zuhause ankam hustete ich, als käme die Lunge gleich mit raus. Aber ich machte weiter. Jeden Tag. Anfangs noch sehr früh morgens, es musste ja nicht jeder sehen, wie ich mit meinen zwei Metern im Schneckentempo über die Bürgersteige von Mannheim krieche, einfach weil mein Körper noch nicht mehr hergibt.
Jede Woche ein bisschen mehr. Nach einem Monat waren es sechs Kilometer, danach 8, jeden Tag spürte ich, wie es besser lief. Am Ende des Sommers, zwei Monate danach, lief ich regelmäßig eine Strecke von 12 Kilometern, abends, vorbei an all den Menschen. Ich verlor zehn Kilogramm, die ich mir durch Faulheit angefressen hatte, ich fühlte mich besser, ich genoss es, durch den Wald direkt am Rhein zu laufen und die vielen unterschiedlichen Gerüche wahrzunehmen und den Kopf frei zu kriegen. Keine Musik, nur die Geräusche der Natur. Es war meine zweite Chance, und ich wollte sie nutzen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Keine Zigarette, keine Zigarre, kein Joint, kein Head, kein Eimer, nichts was mich irgendwie wieder rückfällig werden lassen könnte, wusste ich doch, dass nur ein Zug schon ausreichen kann, um mich wieder voll dabei zu haben. Ja, ich hatte regelrechte Angst davor.

Ich bildete mir ein, ein toleranter Nichtmehrraucher zu sein, dass ich weiss, wie schwer es ist, aufzuhören, dass ich keinem Raucher deswegen Vorwürfe machen könnte, denn man muss es selber wollen, hört man nur für andere auf, dann funktioniert es nicht, denn der Entzug ist vor allem eine Kopfsache. Ich unterstützte es aber auch in keinster Weise, lieh niemandem Geld für Zigaretten, brachte niemandem welche mit, wenn ich zum Kiosk ging. Mit ein paar Ausnahmen hat das auch jeder verstanden.

Im Frühjahr 2010 lief ich meinen ersten Halbmarathon in 2 Stunden und 18 Minuten.

Meine Freundin war Raucher. Unsere Wege trennten sich.

Ich war kein toleranter Nichtmehrraucher. Ich bildete es mir ein und betonte es häufig, aber wahrscheinlich tat ich es nur um mir selber nicht eingestehen zu müssen, dass ich es nicht bin. Denn ich bin es nicht. Nicht mehr. Ich möchte in der Straßenbahn nicht mehr neben Leuten sitzen, die auf dem Bahnsteig eben noch eine Fluppe rauchten, weil es stinkt. Ich werde nicht in Räumen essen, in denen zuvor noch geraucht wurde, eher gehe ich, selbst wenn ich für das Essen schon bezahlt habe. Wenn es geht, dann versuche ich Situationen, in denen Zigaretten vorkommen, zu vermeiden. Ich ging nicht auf die Barrikaden, aber es war mir auch nicht mehr egal.

Am 6. Juni 2009 steuerte ich einen Tabakladen an und fragte, was eine große Schachtel West kostet. Ich weiss es nicht mehr, irgendwas um fünf Euro rum, mehr als das doppelte von den 4,50 DM, mit denen ich vor 15 Jahren anfing, und weniger Zigaretten waren auch noch drin. Seit einem Jahr keine Zigarette mehr. Es war ein Erfolgserlebnis, auch, weil es im ersten Jahr trotz allem immer wieder mal für einen kurzen Moment dieses Verlangen gab, dass da aus dem Unterbewusstsein kam. Jetzt diese eine. Dieser Besuch im Tabakladen sollte in den kommenden Jahren zu einer kleinen Tradition werden, zu fragen, was denn ein Big Pack West kostet. Ich zelebrierte es ein kleines bisschen, um mich stets daran zu erinnern, wie schnell es gehen könnte, aber auch, um mich selber ein bisschen zu bestätigen.

Am 6. Juni 2012 habe ich es einfach vergessen. Es fiel mir erst zwei Monate später auf, dass ich ja jetzt seit über vier Jahren nicht mehr rauche.

Überwindung

Das da oben ist ein Platzhalter für ein Foto, das in etwa so aussieht: Entstanden an einem Sonntag im Mauerpark in Berlin, die Sonne verschwindet gerade hinter den Hochhäusern, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die goldene Stunde ist in vollem Gange. Sie, ich schätze sie auf 23 Jahre, vielleicht 1,65 m groß, so genau weiß ich das nicht, denn sie sitzt auf einer der Bänke am Hang, direkt gegenüber der Mauer.

Ihre braunen Dreads versteckt sie halbwegs gut unter einer roten Strickmütze, sie hat schmale Augen, Piercings in der Nase und der Unterlippe. Sie trägt eine grüne Filzjacke, ihre Hände sind durch Stulpen vor der Kälte geschützt. Eine braune Hose – ich glaube, es war eine Hose – auf ihren übereinandergeschlagenen Beinen liegt ein Buch, aufgeschlagen, auf Französisch. Man sieht sie etwa zwischen Portrait und Profil, ihr Gesicht ist durch die Sonne in ein leicht goldenes Licht getaucht.

Sie bläst den Rauch der selbstgedrehten Zigarette in die kalte Winterluft, während sie gedankenverloren, vielleicht aber auch nachdenklich in die Ferne schaut. Ihr Deutsch ist nicht gut, sie erzählt mir auf Englisch, dass sie es eigentlich nicht mag, fotografiert zu werden, ihr aber meine Kamera – eine alte Hasselblad – gefällt. Das Foto ist quadratisch, trotzdem ist sie auf der Aufnahme leicht rechts zu sehen, ihr Blick geht nach links, sozusagen in die Aufnahme hinein.

Es ist das vermutlich beste Foto, das ausdrucksstärkste, das technisch einwandfreiste von den zwölf, die ich an diesem Tag machte. Zehn sind Portraits, ähnlich wie dieses, auf dem elften sieht man einen Hang, auf dem Kinder gerade Schlitten fahren und eines ist verhunzt, da ich aus Versehen auf den Auslöser drückte. Ich würde sie Euch gern zeigen, aber sie existieren nicht.

Es war ein Experiment. Der Farbfilm, ein Kodak irgendwas mit ASA 125, lief bereits 1991 ab. Er hätte irgendwelche interessanten Farben produzieren können, vielleicht auch völlig ausgebleichte oder irgendetwas mit Farbstich, aber eben auch gar nichts. Das ist das kleine Restrisiko bei so alten Filmen. Er schlummerte die ganze Zeit in einer Schublade in einem warmen Zimmer oder anders gesagt: Er wurde unsachgemäß gelagert und ist über den langen Zeitraum einfach kaputt gegangen. Auf dem Filmstreifen ist nichts. Aber das ist egal.

Ich fotografiere jetzt seit etwa 14 Monaten, habe in der Zeit einiges ausprobiert, war an Orten, die ich sonst vermutlich nie gesehen hätte. Habe mein Auge für die Welt da draußen ein bisschen geschärft – denke ich jedenfalls – da kleinere Details schneller auffallen. Ich habe Architektur fotografiert, Verfall, habe versucht, den Eindruck, das Gefühl der Orte festzuhalten, an denen ich mich befand. Habe mich in der Makrofotografie probiert, fand es nur bedingt spannend. An Straßenfotografie, Menschen auf der Straße, dem Leben. Das einzige, was ich in der all der Zeit nie getan habe, war, Menschen nach einem Foto zu fragen. Weil ich Angst hatte.

Ich habe Fotos von Menschen auf der Straße gemacht und sie danach gefragt, ob es okay ist. Was ja fast noch blöder ist, schließlich gebe ich ihnen damit ja nicht einmal die Chance, im Vorfeld nein zu sagen. Es gab diejenigen, die das Foto gelöscht haben wollten, klar, aber wirklich unfreundlich, sauer oder gar aggressiv ist nie jemand gewesen. Ich halte das für keine Selbstverständlichkeit, aber das nur am Rande.

Jedenfalls habe ich mich nie getraut, Menschen einfach so zu fragen. Das hat zwei Gründe: zum einen ein ordentlicher Knacks in meinem Selbstbewusstsein, das ich mir sowieso erst ziemlich spät angeeignet habe. Zum anderen habe ich immer wieder die Szene auf der Photokina 2010 im Kopf, bei der diese Traube von Fotografen sich gegenseitig wortwörtlich über den Haufen rannte, um noch ein Foto vom Bodypainting-Modell zu bekommen, das gerade von der Bühne zur Garderobe ging, da die Show längst vorbei war. Eine Szene, die mich angeekelt hat und mit der ich niemals verglichen werden möchte.

Der Mauerpark in Berlin also. Ich dachte mir, mit all den sagen wir mal aufgeschlosseneren Menschen in meinem Alter dort sollte es doch möglich sein, nicht sofort schräg angeschaut zu werden. Ich hatte die Hasselblad in der Hand, die digitale Nikon ist ja schon etwas wuchtig und könnte vielleicht etwas abschreckend wirken. Ich lief hin und her, lief Runden, suchte nach ausdrucksstarken Gesichtern. Fand sie. Wollte mir einen Ruck geben. Tat es nicht. Verfluchte mich eine Sekunde später dafür. Lief weiter.

Auf der eingeschneiten Wiese dann das asiatische Pärchen entdeckt, sie fotografiert gerade ihn. Warum eigentlich nicht, Menschen, die selbst fotografieren, dürften ja noch einmal eine Ecke aufgeschlossener sein. Ich wartete, bis sie ihre Fotos gemacht hatte. Adrenalin, Puls durch die Decke, Herzrasen, alles zusammen, während ich auf sie zuging. Ob ich ein Foto von ihm machen dürfte? Sie verstanden mich nicht. Okay, Englisch, schnell die richtigen Worte zusammenlegen, noch einmal fragen, dabei verhaspeln, verdammt, das war’s jetzt bestimmt.

Ja, klar, was soll ich tun? Oh, wow, so weit war ich gar nicht. Ich wollte nichts Gestelltes, das war das Einzige. Um ihn abzulenken, unterhielt ich mich ein bisschen mit ihm, woher sie denn kämen (USA, Nähe Washington), ob sie auf dem Flohmarkt gewesen wären („Yeah!“), wie sie es fanden („kinda cool, but too crowded“) und drückte den Auslöser. Fertig. Kurz sacken lassen, wirklich fertig. Ich gab ihnen meine Karte, damit sie mich kontaktieren können, falls sie das Foto haben möchten. Sie lächelten, wir sagten tschüss und gingen unserer Wege. Das war’s. Adrenalin geht runter, Puls kommt langsam wieder in normale Bereiche. Wow.

Mit jedem Foto wurde es einfacher. Ich war jedes Mal aufgeregt, aber es wurde einfacher. Die meisten fanden die Kamera interessant, den Lichtschachtsucher, wofür ich überhaupt Fotos mache, manche schauten skeptisch, warum gerade sie, man kommt irgendwie in ein kurzes Gespräch. Zwei sagten direkt nein, aber es war okay. Sie wollten einfach nur nicht fotografiert werden, es ging nicht um mich und es war okay. Rein von der Komposition her war wahrscheinlich keine der Aufnahmen besonders gut, aber auch das war okay.

Und es begann, Spaß zu machen. Die Filmentwicklung am Tag danach dauerte nur ein paar Stunden. Der Mitarbeiter im Labor zeigte mir einen völlig transparenten Filmstreifen. Ob meine Kamera kaputt sei, fragte er mich. Nee, antwortete ich lächelnd, um meine Enttäuschung zu überspielen, die aber nur für ein paar Sekunden anhielt.

Denn es ist egal. Es ist egal, dass auf den Negativen nichts zu sehen ist, die Fotos existieren einfach in meinem Kopf weiter. Es ist egal, denn sie stehen für etwas viel Besseres, einen Schritt, den ich getan habe, und der mich viel Überwindung gekostet hat. Dieses Mal war nicht das Ergebnis das Ergebnis. Und das macht sie zu den besten Fotos der vergangenen Wochen, auch wenn es sie gar nicht gibt.

Ob er den Filmstreifen wegschmeißen soll, fragte er. Nein, ich möchte ihn behalten.