Über das Rauchen

Als ich 12 Jahre alt war habe ich angefangen.

Wie das halt so ist, man hat sich einen leicht falschen besten Kumpel beziehungsweise Freundeskreis ausgesucht, weil man irgendwo zugehörig sein will. Ob es Gruppenzwang war oder ich einfach nur mitgezogen habe weiss ich heute nicht mehr, aber darüber bin ich an die erste Zigarette gekommen. War ja auch nicht schwer, eine Schachtel West mit 24 Zigaretten kostete 4,50 DM, wenn das Taschengeld doch mal nicht reichte ging man eben zu dem einen Kiosk, der unter der Theke auch einzelne verkaufte, das Stück für 30 Pfennig. Am Anfang nur gepafft, einfach weil ich es nicht besser wusste. Irgendwann lachte mich mal jemand deswegen aus und zeigte mir dann, wie das mit diesem “auf Lunge”-rauchen geht. Der Hustenanfall danach war heftig, das Gefühl allerdings auch, irgendwie beruhigend, entspannend. So fing es an. Ich muss total naiv gewesen sein, zu denken, dass es meinen Eltern nicht auffallen würde, aber tatsächlich bekommt man vom Geruch als Raucher nicht wirklich viel mit. Trotzdem, es war verbunden mit Heimlichtuerei und Lügen, irgendwie musste das neue “Hobby” ja versteckt werden.

Wir rauchten wie ein Schlot, hatten kleine Schatullen, in denen wir unsere Zigaretten bunkerten, und probierten selbst den abgefahrensten Mist aus, der selbst für Raucherverhältnisse eklig war: Mentholzigaretten, oder diese Pseudo-Zigarillos West Rollies, die zum einen so billig waren, dass man sie sich auch mit schmalem Geldbeutel leisten konnte und zum anderen so scheisse schmeckten, dass garantiert niemand von mir eine Zigarette wollte. Es fühlte sich okay an, wir waren ja trotzdem noch aktiv, spielten Street Hockey, Fussball, und irgendwie konnte das ganze uns nicht wirklich viel anhaben, glaube ich jedenfalls – zu der Zeit fühlte ich mich jedenfalls nicht schlecht. Wir dachten einfach nicht darüber nach. Warum auch. Es war ja cool.

Von den Eltern erwischt wurde ich zuhause, in meinem Zimmer, als meine Mutter reinkam und ich die Zigarette nur noch schnell in der Schublade verschwinden lassen konnte. Sie waren enttäuscht, was eigentlich noch viel schlimmer war als jede Strafe, die es hätte geben können. Der ehemals beste Freund wechselte die Schule und war weg, die Zigaretten blieben.

Ab der 11ten Klasse mussten wir uns in den Schulpausen nicht mehr im Gebüsch verstecken, sondern konnten ganz cool auf den Raucherhof gehen und mit hunderten anderen Mitschülern unserer Sucht nachgehen. Mittlerweile rauchte ich auch in meinem Zimmer. Wenn das Geld knapp war bastelten wir uns aus den Stummeln im Aschenbecher neue Zigaretten. Es half ein bisschen.

Meine Eltern waren verreist, ich sollte mit dem Hund Gassi gehen. Weil ich die Zigarette nicht ausmachen wollte lief ich vom meinem Zimmer durch das Treppenhaus, schnappte mir den Hund, rannte aus dem Haus, zog die Tür hinter mir zu und merkte erst in diesem Moment, dass ich keinen Schlüssel dabei hatte. An einem Samstag kosten Schlüsselnotdienste das doppelte, selbst wenn sie die Tür nicht geöffnet kriegen, außerdem bestehen sie auf Barzahlung. Mein Vater ließ ein paar Jahre zuvor alle Schlösser durch Hochsicherheitsdinger austauschen, da ihm Mittags in Bonn an einer stark frequentierten Straße innerhalb von nur fünf Minuten der Wagen gestohlen wurde, zusammen mit seinem Schlüsselbund. Wäre meine Cousine, die auf das Haus aufpassen sollte, nicht doch noch rechtzeitig gekommen, und hätte sie nicht den anderen Schlüssel gehabt, mein Urlaub auf Bali, der am nächsten Morgen starten sollte, hätte für mich nicht stattgefunden. Da war ich 17.

Als ich 22 Jahre alt wachte ich eines morgens auf und bekam keine Luft mehr. Eine Schachtel am Tag war ganz normal.

Neujahr 2004, es war fünf Uhr morgens und wir hatten keine Zigaretten mehr. Die Eltern von dem Freund, bei dem wir feierten, hatten als gute Gastgeber aber stets eine Schachtel im Haushalt. Lucky Strikes, die Packung kostete 4,20 DM. Sie muss älter gewesen sein als alles, was ich bisher rauchte, mindestens 10 Jahre, der Tabak war völlig ausgetrocknet und bröselig. Wir probierten es trotzdem. Es war eklig.

Mit 23 Jahren flogen mein Vater und ich nach Kuba. Nach dem Flug konnte ich nicht anders als mir an der ersten möglichen Stelle, noch auf dem Flughafen eine Zigarette anzuzünden. Vor ihm. Es war das erste Mal, dass ich vor einem Teil meiner Eltern rauchte. Er sagte nichts, aber was hätte er er auch groß tun sollen? Mich aufs Hotelzimmer schicken? Und mir war es egal.
Unser Busfahrer, der uns über Kuba fuhr, lachte ständig, und obwohl ich kein Wort verstand mochte ich ihn. Ich bot ihm eine Zigarette an, auf Kuba raucht ja wirklich jeder. Es war irgendeine mit Filter, ich weiss es nicht mehr, aber er lachte nur und drückte mir im Gegenzug eine von seinen in die Hand. Die Marke kannte ich nicht, sie hatte keinen Filter und war schwarz wie die Nacht, ein Wunder dass der Teer nicht tropfte. Zwei Züge, mehr schaffte ich nicht. Er lachte weiter.

Im Dezember 2006 hörte ich auf.

Einfach so. Und es ging. Wir fuhren sehr bald zum Snowboarden, und ich fing an, das fehlende Nikotin mit jede Menge Gras zu kompensieren. Während die anderen auf Apres Ski Parties feierten knallten wir uns den Kopf weg, redeten über die unsinnigsten Sachen und befriedigten unsere Fressflashs mit dem, was der Kühlschrank hergab, und den wir am nächsten Tag aus dem abartig teuren Supermarkt im Dorf nachfüllen mussten. Aber es war leichter zu kontrollieren. Ich kaufte nie selbst Dope, da ich in Mannheim niemanden vertrauenswürdiges kannte, hatte also vielleicht alle ein oder zwei Wochen mal ein Tüte bei Freunden. Dazwischen fehlte es mir nicht. und irgendwann ließ ich es komplett.

Im März 2007 dachte ich, das Gröbste sei überstanden. Wir waren für ein paar Tage bei einem Freund, ich hatte einen beschissenes Telefonat mit Ihr, mir ging es nicht gut, und ich setzte mich vor den kleinen Kamin, der nicht mehr benutzt wurde, außer zum reinaschen, wenn es draußen zu kalt war – im Haus durfte nicht geraucht werden. Ich war aufgewühlt, und die eine Zigarette, die ich aus der daneben liegenden Packung nahm, die wird mich nicht umbringen.

Im März 2007 fing ich wieder an.

Meine Freundin im zweiten Halbjahr 2007 war Nichtraucherin. Sie sagte mir, wie sehr es sie belaste, wenn ich auf dem Balkon noch eine rauchte und mich dann zu ihr ins Bett legte. Ich habe es nicht verstanden. So schlimm ist es doch nicht.

Während des Studiums erhöhte sich die Menge auf einen Big Pack, 25 Zigaretten am Tag. Zwischen den Vorlesungen zwei oder drei, zuhause sowieso ständig. Ich gefiel mir nicht, ich machte mir selber Vorwürfe, wieder angefangen zu haben, wo ich es doch tatsächlich geschafft hatte, nur um im nächsten Moment die nächste Zigarette anzuzünden. Ich machte keinen Sport, wurde dick. Mir fiel erst beim Auszug aus dem Studentenwohnheim auf, wie Gelb die Wände nach den drei Jahren geworden sind. Im Übergabeprotokoll wird später “Verwohnt” stehen.

Am 5. Juni 2008, einem Donnerstag, hatte ich 5€ in der Tasche und die Wahl, ob ich mir ‘Brügge sehen… und sterben?’ im Kino – Spätvorstellung, außerdem war Kinotag – anschaue oder aber eine Schachtel Zigaretten am Automaten ziehe. Ein sehr guter Film, meine Meinung zu Colin Farrell änderte sich über seine Rolle ziemlich. Davor kannte ich ihn nur als Darsteller in durchschnittlichen Actionfilmen wie ‘S.W.A.T.’, gruseligen Superheldenfilmen wie Daredevil oder in dem zugegeben gut gemachten ‘Nicht auflegen!’, der aber auch nicht lange in Erinnerung blieb. So grob gesagt sah ich in ihm ja bisher nicht so den großen Charakterdarsteller, hier fand ich ihn jedoch sehr überzeugend. Überhaupt sind es die kleineren beziehungsweise nicht ganz so bekannten Produktionen mit ihm, die wirklich Spaß machen, Intermission zum Beispiel, Cassandras Dream, oder Tigerland. Und dann natürlich Ralph Fiennes, von dem ich ja seit Strange Days aus dem Jahre 1995 ein Fan bin – und bei dem ich lustigerweise erst im letzten Harry Potter Film bemerkte, dass er Voldemort spielt.

Aber ich schweife ab.

Am nächsten Morgen ging ich laufen. Wenn man das noch als laufen bezeichen kann, denn mehr als zwei Kilometer schaffte ich nicht, und als ich zuhause ankam hustete ich, als käme die Lunge gleich mit raus. Aber ich machte weiter. Jeden Tag. Anfangs noch sehr früh morgens, es musste ja nicht jeder sehen, wie ich mit meinen zwei Metern im Schneckentempo über die Bürgersteige von Mannheim krieche, einfach weil mein Körper noch nicht mehr hergibt.
Jede Woche ein bisschen mehr. Nach einem Monat waren es sechs Kilometer, danach 8, jeden Tag spürte ich, wie es besser lief. Am Ende des Sommers, zwei Monate danach, lief ich regelmäßig eine Strecke von 12 Kilometern, abends, vorbei an all den Menschen. Ich verlor zehn Kilogramm, die ich mir durch Faulheit angefressen hatte, ich fühlte mich besser, ich genoss es, durch den Wald direkt am Rhein zu laufen und die vielen unterschiedlichen Gerüche wahrzunehmen und den Kopf frei zu kriegen. Keine Musik, nur die Geräusche der Natur. Es war meine zweite Chance, und ich wollte sie nutzen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Keine Zigarette, keine Zigarre, kein Joint, kein Head, kein Eimer, nichts was mich irgendwie wieder rückfällig werden lassen könnte, wusste ich doch, dass nur ein Zug schon ausreichen kann, um mich wieder voll dabei zu haben. Ja, ich hatte regelrechte Angst davor.

Ich bildete mir ein, ein toleranter Nichtmehrraucher zu sein, dass ich weiss, wie schwer es ist, aufzuhören, dass ich keinem Raucher deswegen Vorwürfe machen könnte, denn man muss es selber wollen, hört man nur für andere auf, dann funktioniert es nicht, denn der Entzug ist vor allem eine Kopfsache. Ich unterstützte es aber auch in keinster Weise, lieh niemandem Geld für Zigaretten, brachte niemandem welche mit, wenn ich zum Kiosk ging. Mit ein paar Ausnahmen hat das auch jeder verstanden.

Im Frühjahr 2010 lief ich meinen ersten Halbmarathon in 2 Stunden und 18 Minuten.

Meine Freundin war Raucher. Unsere Wege trennten sich.

Ich war kein toleranter Nichtmehrraucher. Ich bildete es mir ein und betonte es häufig, aber wahrscheinlich tat ich es nur um mir selber nicht eingestehen zu müssen, dass ich es nicht bin. Denn ich bin es nicht. Nicht mehr. Ich möchte in der Straßenbahn nicht mehr neben Leuten sitzen, die auf dem Bahnsteig eben noch eine Fluppe rauchten, weil es stinkt. Ich werde nicht in Räumen essen, in denen zuvor noch geraucht wurde, eher gehe ich, selbst wenn ich für das Essen schon bezahlt habe. Wenn es geht, dann versuche ich Situationen, in denen Zigaretten vorkommen, zu vermeiden. Ich ging nicht auf die Barrikaden, aber es war mir auch nicht mehr egal.

Am 6. Juni 2009 steuerte ich einen Tabakladen an und fragte, was eine große Schachtel West kostet. Ich weiss es nicht mehr, irgendwas um fünf Euro rum, mehr als das doppelte von den 4,50 DM, mit denen ich vor 15 Jahren anfing, und weniger Zigaretten waren auch noch drin. Seit einem Jahr keine Zigarette mehr. Es war ein Erfolgserlebnis, auch, weil es im ersten Jahr trotz allem immer wieder mal für einen kurzen Moment dieses Verlangen gab, dass da aus dem Unterbewusstsein kam. Jetzt diese eine. Dieser Besuch im Tabakladen sollte in den kommenden Jahren zu einer kleinen Tradition werden, zu fragen, was denn ein Big Pack West kostet. Ich zelebrierte es ein kleines bisschen, um mich stets daran zu erinnern, wie schnell es gehen könnte, aber auch, um mich selber ein bisschen zu bestätigen.

Am 6. Juni 2012 habe ich es einfach vergessen. Es fiel mir erst zwei Monate später auf, dass ich ja jetzt seit über vier Jahren nicht mehr rauche.

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