Im Gespräch mit Jan Scholz

Es gibt eine Liste mit Fotografen, mit denen ich mich gerne unterhalten würde. Sie ist nicht geordnet, weder alphabetisch oder nach Genre oder gar Popularität. Es ist eine Liste von Fotografen, die ich interessant finde, die ich bewundere, über die ich gerne mehr erfahren würde. Aber ich würde natürlich lügen, würde ich behaupten, dass ich mit einigen nicht noch ein bisschen lieber sprechen würde als mit anderen.

Jan Scholz ist einer davon, und ich war wirklich glücklich, als ich seine Zusage bekam. Im Interview erzählt er unter anderem, wie es ist, sich in einer neuen Stadt zurechtzufinden, wie er seine Locations findet und was ihm das Internet gebracht hat.

Du bist ja von Hamburg nach Brüssel gezogen, wie kam es dazu? Hatte das berufliche Gründe?
Beruflich, ja. Ich arbeite für eine europäische Organisation und habe erst vier Jahre lang in Maastricht gearbeitet und dann das Angebot bekommen, nach Brüssel zu gehen. Das war vor drei Jahren. Ich bin fast schon so aufgewachsen — wir waren mit der Familie ziemlich viel in Deutschland unterwegs, aber auch in England und den USA. So war das für mich eigentlich nur die Fortsetzung von dem, was meine Familie eh schon gemacht hat.

Ich wollt gerade fragen, das ist ja schließlich schon ein Schritt, ins Ausland zu gehen.
Ja, aber für mich wäre es vermutlich komisch, wenn ich 15 Jahre an einem Ort verbringen würde. Das wäre schon sehr ungewöhnlich.

Bist du ein rastloser Mensch? Jemand, der sagt, er muss zum Beispiel alle fünf Jahre den Ort wechseln, weil er was Neues braucht?
Nicht unbedingt den Ort, aber bei der Arbeit merke ich, dass nach ein paar Jahren die Routine einsetzt. Da bin ich dann schon froh, wenn man den Schwerpunkt wechseln kann, und oft geht das dann gleichzeitig mit einem Ortswechsel einher.

Ich glaub da ähneln wir uns. Ich brauche auch ständig neue Herausforderungen, sonst fällt es mir schwer, mich über längere Zeit zu motivieren. Das heisst aber auch, dass Fotografie nicht dein Beruf ist, richtig? Machst du das nebenberuflich oder ist es „nur“ ein Hobby?
Das ist eine reine Wochenend- bzw. Hobbygeschichte, ja.

Okay, und wie bist du darauf gekommen, dass das was für dich sein könnte? Wie lange fotografierst du denn schon?
Fotos mache ich seit sechs oder sieben Jahren. Für Fotografie interessiert habe ich mich schon immer, während des Studiums hatte ich auch mal eine Spiegelreflexkamera mit in den Urlaub genommen, aber nie wirklich den Ehrgeiz entwickelt, mehr daraus zu machen. Der Reiz war eher unterschwellig vorhanden, beispielsweise wenn ich Ausstellungen von Lindbergh besuchte. Ein Auslöser war dann der Umzug nach Maastricht. Wie das so ist: man zieht irgendwohin, kennt erst mal niemanden und versucht irgendwie, seine Wochenenden sinnvoll auszufüllen. Zeitgleich wurden auch die ersten Digitalkameras erschwinglich. Ich hab mir damals eine DSLR gekauft, bin durch die Stadt gelaufen und hab fotografiert. Die Fotos habe ich dann auch bei fotocommunity hochgeladen und gemerkt, dass die Anklang gefunden haben, dass die Leute das gut fanden, was ich da machte. Das motivierte zusätzlich, bis mich Häuser und Brücken irgendwann langweilten. Ich wollte mehr in Richtung Portraits gehen. Und wieder das gleiche Problem: man ist irgendwo neu, kennt nicht viele Leute und muss erst mal gucken, dass man welche findet. Aber so ging das los. Die Begeisterung dafür kam auch sehr schnell, so dass ich mich außerhalb der Arbeit fast nur noch damit beschäftigt habe.

Wie oft kommst du denn zum fotografieren?
Zur Zeit relativ wenig. Im Februar habe ich zum Beispiel nur zwei Shootings gemacht, im Sommer, wenn ich rausgehen kann, können es auch mal acht oder neun im Monat sein.

Du bist also zuerst durch Maastricht gelaufen und dann kam irgendwann dieser Wechsel, dass du dir dachtest, jetzt willst du Menschen fotografieren.
Ja, wenn ich andere Bilder anschaute merkte ich, dass ich immer bei Portraits hängen blieb, das war für mich immer interessanter als beispielsweise Architektur. Durch Zufall bin ich dann an eine kleine Modelagentur geraten. Der Chef war sehr hilfreich und schickte mir ein Model, um das Ganze auszuprobieren. Wir sind dann zusammen durch die Stadt gelaufen und haben Fotos gemacht. Ich kam mir sehr hilflos vor. Das sehr erfahrene Model zog all ihre Posen durch, die ich meist grausam fand, aber ich wusste auch nicht so genau, was ich eigentlich wollte. Ich hab mir noch während des Shootings gedacht, dass ich so einen Blödsinn nie wieder mache. Zuhause beim Sichten der Bilder war ich dann doch sehr überrascht, dass mir einige der Fotos sehr gut gefielen. Die Agentur fand sie auch gut, schickte mir weitere Models und lud mich zu Fotoevents ein. Wenn man seine Fotos dann auch im Netz zeigt, kommen die ersten Anfragen und das wird irgendwann zu einem Selbstläufer. Aber der Anfang, also überhaupt ein Model zu finden, dass sich von einem unerfahrenen Fotografen ablichten lässt, das ist schon ein bisschen mühsam, ja.

Du hast eben Lindbergh in den Raum geworfen, waren er oder andere dann auch gleichzeitig eine Art Vorbild für dich?
Also seitdem ich auf Film fotografiere: definitiv ja. Vorher auch, ja, aber wenn ich mir meine digitalen Fashion- und Portraitbilder von damals angucke, dann gingen die schon in eine ganz andere Richtung. Erst als ich Film und vor allem die Schönheit von Schwarzweiß für mich entdeckte, da habe ich dann diese Spur zu Lindbergh wiedergefunden. Diese Art und Weise, Fotos zu machen, in schwarzweiß, relativ natürlich, mit schönem Licht, einen interessanten Ausdruck, das ist mein Ding.

Aber das ist ja spannend, denn es gibt ja dieses Klischee, das nicht die Kamera das Bild macht sondern der Fotograf. Wenn du jetzt sagst dass du mit Film gleichzeitig auch deinen Stil geändert hast ist das ja ein wenig gegensätzlich.
Vermutlich kann man einem Profi allerhand Kameras geben und trotzdem kommt was Gutes dabei raus, man kann aber auch jemanden die beste Ausrüstung in die Hand drücken, wenn er das Motiv einfach nicht sieht kommt trotzdem nichts dabei rum. Digital war ich nie glücklich mit meinen Schwarzweißbildern, die sahen nie aus wie ich mir das vorstellte. Erst als ich Film für mich entdeckte öffnete sich für mich die ganze Welt der Schwarzweiss-Fotografie und somit auch eine neue Bildsprache. Bei Film hat man ja ein breites Spektrum an Formaten, jede Kamera verleitet mich dazu, anders zu fotografieren, die Stärken und Schwächen jedes Formates auszunutzen. Das ist ja auch der Grund, warum ich mich so gerne zwischen verschiedenen Formaten bewege: ich werde gezwungen, anders an die Sache heran zu gehen.

Ja, ich fotografiere ja auch größtenteils mit Mittelformatkameras mit unterschiedlichen Bildformaten, da ist jede Kamera anders.
Genau. Ich bin jetzt nicht contra Digital und pro Analog, das interessiert mich relativ wenig. Aber rein digital hat man meist eine Kamera, die alles „kann“. Das würde mich vermutlich einschränken und auch ein bisschen anöden. Es gibt verschiedene Objektive, mag sein, aber im Wesentlichen sind es die gleichen Knöpfe und die gleichen Funktionen. Wenn ich dagegen eine Rolleiflex-TLR habe, wo ich oben reinsehe und im Quadrat komponieren muss, das ist eine ganz andere Art zu fotografieren als beispielsweise mit einer schnellen Leica und einem 2:3 Bildformat. Das inspiriert mich ganz persönlich, das ist ein Teil des Spaßes beim fotografieren.

Fotografierst du denn nur Models, oder auch mal Freunde oder Kollegen?
Ich hab ja fast überall eine Kamera mit dabei. Ich fotografiere eine Menge, ich zeige halt nur nicht alles. Gerade im Freundes- oder Verwandtenkreis achte ich doch sehr darauf, nicht alles ins Internet zu stellen. Seit ich fotografiere bin ich ja auch auf jeder Hochzeit von Freunden oder Verwandten als der Fotograf gebucht, das ist dann so mehr oder weniger mein Hochzeitsgeschenk. Aber die Fotos findet man nicht online, das ist eine ganz andere Welt, das ist Teil einer Privatsphäre.

Ist das was für dich, Hochzeitsfotografie?
Fotos in der Kirche und die offiziellen Fotos machen mir schon Spaß, also das zu machen, was ich gut kann. Leute inszenieren, Portraits, die gestellten Sachen halt. In der Kirche ist zwar nichts gestellt, dafür aber kontrolliert, ich weiss ja, wo wann was passiert und was ich fotografieren muss. Bei der Party abends sind es ja mehr Schnappschüsse, das ist eher nicht so meins.

Kontrolle ist ein gutes Stichwort, ist das bei deinen Shootings auch so? Behältst du die Kontrolle oder lässt du auch einfach mal machen?
Schwer zu sagen, kommt ganz darauf an. Das letzte Model zum Beispiel war sehr erfahren und hat eine gute Pose nach der anderen gebracht – aber eben nicht das, was ich wollte. Da musste ich wirklich Energie aufbringen, um sie aus ihrem Portfolio an Posen herauszubewegen. Das ist auch ein kleiner psychologischer Konflikt, der ausgefochten werden will. Es war mir einfach zu künstlich, ich mag es wenn es aussieht wie eine halbwegs natürliche Szene. Manchmal gibt es aber auch Situationen, in denen einfach alles genau so kommt, wie mir das gefällt, und dann fotografiere ich auch gerne drauf los und sage nicht viel. Und natürlich möchte ich das Setting kontrollieren, also was für ein Licht ich habe, was für ein Hintergrund und so weiter. Ich kann und muss dafür sorgen, dass die Variablen außenrum stimmen, damit ein schönes Foto entsteht.

Genau, das meinte ich auch, nicht das Durchsetzen des eigenen Willens sondern das ganze Setting zu kontrollieren.
Ich glaub gerade wenn man seinen Willen durchsetzen will, tut das den Fotos gar nicht gut. Das ist ja auch das spannende am fotografieren von Menschen, dass da zwei Persönlichkeiten aufeinander treffen, und was am Ende dabei heraus kommt ist, ein Ergebnis dieser Konstellation. Es kam schon vor, dass ich das Model überhaupt nicht mochte, aber gerade aus dieser Distanz entstanden interessante Fotos. Und es ist immer anders, ich hab noch nie zwei Shootings gehabt, die nach dem gleichen Schema abliefen.

Ist denn dieses letzte Shooting noch was geworden?
Ja, das war gut. Diesen Umgang miteinander beim shooten muss man auch lernen, gerade wenn es auf Anhieb nicht klappen sollte. Dass man dann nicht versucht seinen Willen durchzusetzen, sondern auf sanfte Art und Weise zu bekommen, was man für das Foto gerne hätte. Das funktioniert bei einem selbstbewussten Model anders als bei einem schüchternen, und das ist ja gerade das interessante daran: es kann so viel besser werden als man dachte, es kann aber auch voll in die Hose gehen.

Wie würdest du denn diese Beziehung während des Shootings definieren? Hältst du das für eine „Geschäftsbeziehung“ oder kommt da auch ein bisschen Begehren dazu?
Also den Begriff „Geschäftsbeziehung“ fände ich ein bisschen kalt. Es ist aber auch nichts freundschaftliches, eher irgendwo in der Mitte. Die Models kennen ja meist meine Fotos und wissen, was sie erwartet, man trifft sich einfach und möchte zusammen etwas Schönes kreieren. Meine Erfahrung ist: je mehr Begehrlichkeit ich bei einem Shooting entwickle, desto miserabler werden die Fotos. Mich begeistert Schönheit, ja, aber nicht im Sinne einer sexuellen Begehrlichkeit. Es kommt vor, aber wenn es passiert, dann werden die Fotos schlecht, weil man ohne Seele, Sinn und Verstand fotografiert.

Ich habe mir schon selbst Verbote auferlegt, bestimmte Sachen nicht mehr zu machen, zum Beispiel das Model auf das Bett zu legen: „Egal was ich mache, das Model liegt nicht auf dem Bett!“

Was mich an deinen Fotos ja immer faszinierte waren die ausnahmslos schönen Locations. Wie findest du die denn?
Na, im Sommer ist es relativ einfach, da geht man einfach raus und fotografiert. Im Winter wird es kompliziert, da habe ich ein paar schöne Bed&Breakfast Hotels in Brüssel und Antwerpen gefunden, die sehr schön eingerichtet sind und wo man fotografieren kann. Manche berechnen eine ganze Nacht, manche wollen gar nichts
außer vielleicht ein paar Fotos vom Apartment, aber meistens trifft man sich irgendwo in der Mitte. Aber wenn ich mir überlege was ich für vier-fünf Stunden Mietstudio zahle ist das immer noch ein Schnäppchen! Und gerade in Brüssel gibts ein paar schöne Hotels. Selbst wenn man die schon durch hat und mehrfach in derselben Location fotografiert, ist es immer noch besser als eine nackte Studioleinwand.

Wobei die ja auch was hat, wenn ich da an Avedon denke, der es durch genau das Setting schaffte, auch oder gerade den Charakter eines Menschen zu erfassen.
Hab ich am Anfang gar nicht gemacht, mittlerweile interessiert es mich aber auch mehr, also was man nur mit dem Ausdruck, Licht und dem Bildschnitt erreichen kann.

Wissen denn die Hotels, was du machst?
Ja klar, da bin ich völlig offen! Es würde mich auch stören wenn es nicht so wäre. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es gut funktioniert, wenn man ganz offen und ehrlich mit den Leuten ist. Einige antworten gar nicht, viele geben ein paar Bedingungen vor, manchmal erwischt man auch einen Hoteldirektor, der sich für Fotogafie begeistert und einem dann die Suite kostenlos zur Verfügung stellt. Mit Offenheit und Ehrlichkeit kriegt man meistens das, was man möchte.

Und wenn du draußen bist? Wird das durch Zuschauer dann nicht irgendwann komisch?
Wenn ich draußen Akt fotografiere, dann eigentlich immer irgendwo in der Einöde, in einem größeren Park oder am Strand oder in den Dünen. Ich mag das auch nicht, wenn andere Leute dabei sind. Dann kommen ganz schnell Zuschauer, und das zerstört die Atmosphäre und Stimmung.

Ich bin mal aus Versehen in aller Frühe in ein Shooting auf dem Tempelhofer Feld geplatzt, bin dann aber auch ganz schnell weiter gegangen. Eben weil sie ja ihre Ruhe haben wollen.
99% der Leute machen das auch so, aber irgendwann kommt dann trotzdem der erste Gaffer…

Möchtest du mit deinen Fotos eigentlich etwas vermitteln?
Uh, schwierige Frage. Eigentlich war es nie meine Intention, irgendwas in Form einer Story oder einer Message zu vermitteln. Ich habe großen Respekt vor Fotografen, die in diese Richtung gehen, sich mit einem Thema beschäftigen und ein Portfolio zu einer Thematik aufbauen, aber sowas ist sehr zeitintensiv, und diese Zeit habe ich nicht. Es ist ja ein reines Hobby, als Kontrast zum Beruf. Ich hab da für mich nie andere Ziele außer einer minimalen Ästhetik definiert. Ich fotografiere einfach das, was mich bewegt, was ich als schön und interessant empfinde.

Ist doch völlig legitim! Ich bin ja auch nicht der Ansicht, dass ein Foto immer eine Story haben muss, es kann auch einfach schön sein.
Es gibt da unterschiedliche Typen von Künstlern. Der eine hat den Drang sich auszudrücken, der sucht sich dann sein Medium, dass zu ihm passt. Bei mir kam das eher von der anderen Seite, also das Medium war schon da, und ich suche dann nach der Schönheit im Bild, in der Komposition, im Motiv und so weiter. Bei Portraits gibt es vieles, das ich gerne noch machen würde, wofür ich aber auch mehr Zeit investieren muss. Aber ohne Menschen würde mir auch was fehlen. Ich hab zum Beispiel ein kleines Portraitprojekt gestartet – mit „normalen“ Menschen, ohne Models.

Kannst du darüber schon was erzählen oder ist das alles noch in der Mache oder streng geheim?
Streng geheim ist das nicht. Ich hab angefangen in einer Ballettschule zu fotografieren. Aber ich bin noch in der Kontaktphase, lerne gerade die Menschen kennen, das ist noch nicht so weit, dass ich das jetzt schon zeigen könnte.

Kam denn ein Model auch schon mit einer ganz konkreten Idee auf dich zu, oder geht das immer von dir aus?
Das kommt relativ häufig vor, aber wenn sich das Shooting anbahnt, klärt sich relativ schnell, was beide Seiten wollen. Es ist nicht so, dass ich ganz klar definiere, was getan wird oder starr an meinem Konzept hängen bleibe. Eigentlich sogar im Gegenteil: gerade wenn das Model etwas mitbringt oder eine Stärke hat, mit der ich nicht gerechnet habe, dann mache ich nichts lieber als das Shooting komplett umzukrempeln und daraufhin neu auszurichten. Ein Model hatte mal einen Latexanzug dabei, was nicht wirklich zu mir oder meiner Arbeit passt, aber irgendwie war es interessant, und wir haben es dann auch für Fotos benutzt. Das ist auch spannend, wenn eine Interaktion stattfindet, wenn beiderseitig Ideen eingebracht werden.

Hast du denn immer alle Kameras dabei bei einem Shooting?
Nein, ich hab immer zwei, drei Lieblingskameras, die allerdings alle paar Wochen wechseln. Eine Kamera kann mich faszinieren und ich nutze sie für Wochen ununterbrochen, bis sie dann sechs Monate unbenutzt im Regal steht, weil eine andere mich für sich gewonnen hat. Kommt immer drauf an was mich gerade interessiert und welche Kamera in dem Moment meine Idee unterstützt.

Und wie siehts mit Nachbearbeitung aus? Bist du noch in der Dunkelkammer unterwegs oder ist vermehrt digital?
Am Anfang hatte ich so ein bisschen die Befürchtung, dass meine Negative wohl eher mittelmäßig sind und allein die digitale Scantechnik die Bilder interessant erscheinen lässt. Als ich dann Zugang zu einer Dunkelkammer bekam und die ersten analogen Prints machen konnte, war das ein gutes Gefühl, denn die Bilder sahen aus wie die gescannten. Das ist dann auch ein bisschen Bestätigung, dass das Foto schon beim Fotografieren entstanden ist und nicht erst durch Hinbiegen in der Nachbearbeitung.

Machst du trotzdem viel Nachbearbeitung oder hält es sich in Grenzen?
Die meisten meiner Fotos würden in der Dunkelkammer wohl sehr ähnlich aussehen wie die gescannten. Photoshop nutze ich meist nur zum entfusseln und für kleine Anpassungen der Gradationskurve. Wenn ich mir die Roh-Scans und die bearbeiteten Bilder anschaue, sehe ich meist nur auf den zweiten Blick einen Unterschied. Es kam schon vor, dass ich einem Magazin ein unbearbeitetes Bild geschickt habe, weil ich die beiden Versionen verwechselt habe. Ich wusste noch, dass ich im Bild eine Steckdose weggestempelt hatte. Und was taucht natürlich im Magazin auf? (lacht)

Lass uns mal beim Digitalen bleiben: dein Photostream bei Flickr ist ja sehr beliebt, wie wichtig sind dir denn solche Onlinedienste?
Schon sehr wichtig, ja. Allein schon wegen der Publicity, die man dadurch kriegt. Ich hab viele tolle Leute kennengelernt, viele Anfragen von Magazinen bekommen etc., und das alles nur, weil ich Bilder online stelle. Ich fliege zum Beispiel in einer Woche nach Las Vegas, das Angebot kam nur, weil die Leute dort mich über Facebook und Flickr kennengelernt haben, und jetzt machen wir zusammen Online-Workshops. Das ist der eine Aspekt.
Der andere ist das Feedback, also wie die Bilder ankommen. Weniger Kommentare wie “Schlecht” oder “Langweilig”, aber an der Masse des Feedbacks merkt man, ob etwas gut ankommt oder nicht. Es gibt Fotos, auf die ich wirklich stolz bin, aber dann lade ich es hoch und es kommt kaum Feedback, und dann gibt es Fotos, die ich eher langweilig finde und die Leute überschlagen sich vor Lob. Was man persönlich schön und wichtig findet muss nicht das sein, was die Welt toll findet — und umgekehrt.

Orientierst du dich denn auch am Feedback? Also zeigst du eher Fotos, von denen du weisst, dass sie besser ankommen als andere?
Interessante Sache, darüber diskutiere ich oft auch mit anderen Fotografen. Es tut schon fast weh, wenn das positive Feedback zu einem Foto, dass einem sehr wichtig ist, ausbleibt. Aber es ist auch ein Check gegenüber einem selbst, was einem wichtiger ist: was die Leute sagen, oder was man selber als schön empfindet? Man kann schon hier und da mal der Versuchung erliegen, in Schemen zu verfallen, von denen man weiss, dass sie gut ankommen. Ich habe mir schon selbst Verbote auferlegt, bestimmte Sachen nicht mehr zu machen, zum Beispiel das Model auf das Bett zu legen: „Egal was ich mache, das Model liegt nicht auf dem Bett!“ (lacht)

Du erwähntest eben, dass du auch Workshops gibst?
So in der Art. Es gibt das Framed Network, eine Online-Show für Fotografen, die haben letztes Jahr eine neue Serie namens „Film“ für Filmfotografen gemacht: 16 Episoden, die sich mit ganz verschiedenen Aspekten der Fotografie beschäftigt haben, zum Beispiel Portraits, Indoor fotografieren oder der Umgang mit Blitzen. Die Serie wurde von drei Fotografen aus den USA gemacht, und die haben mich als Special Guest für einige der Episoden eingeladen, in denen ich ihnen meine Arbeitsweise und die Großformatfotografie gezeigt habe. Und in einer Woche beginnen die Dreharbeiten für die zweite Staffel, dieses Mal dann mit fünf Fotografen, wieder mit verschiedensten Themen. Das macht unheimlich viel Spaß, und es ist natürlich auch wieder tolle Publicity.

Zeigst du deine Fotos auch woanders, z.B. in Ausstellungen?
Nichts großes, eher kleinere Sachen – zum Beispiel macht ein spanisches Magazin demnächst eine kleine Ausstellung und da werden auch drei vier Bilder von mir hängen. Worauf ich sehr gerne eingehe und Zeit investieren sind Veröffentlichungen in Magazinen. Das ist immer nett, seine Bilder im Fotomagazin am Zeitungskiosk zu finden, und es gibt gutes Feedback. Interessant ist auch, dass man meistens Veröffentlichungen in Printmagazinen mehr wertschätzt als Onlineveröffentlichungen wie z.B. ein Feature auf einem Blog. Meine Erfahrung ist genau andersrum: ich bekomme nach Veröffentlichung auf einem guten Blog wesentlich mehr Feedback als bei einer Veröffentlichung im Fotomagazin XY. Die Interviews in Blogs sind meistens interessanter, in Magazinen wird es doch recht schnell stereotypisch. Das mag auch den Magazinen und ihrem Klientel geschuldet sein, die sind teilweise schon sehr technikverliebt. Blogs sind da oft tiefgründiger, wohl weil sie unabhängiger sind von Werbung etc.

Das ist auch das, was mich an der Fotografie hält: jedes bisschen Zeit, das ich dafür frei machen kann, ist eine gute Zeit.
Mal zu was ganz anderem, ich habe auf deinem Blog die Fotos von Atlantic City gesehen, die mir gut gefielen. War das eine einmalige Geschichte, oder kommt da noch was in diese Richtung?
Es macht mir Spaß! Das sind irgendwelche Trips, die ich für die Arbeit machen durfte, und bevor ich in der knappen freien Zeit den Fernseher im Hotel anmache gehe ich doch lieber raus und mache Fotos. Atlantic City war toll, wenn auch echt kalt! Ich habe schon den Ansporn, mich in möglichst vielen Bereichen der Fotografie zu probieren, und gerade Street Photography kostet mich noch einiges an Überwindung. Aber Spaß machen tut es!

Und wie sieht die Zukunft bei dir aus?
Ich spiele immer wieder mit dem Gedanken, ob ich mit Fotografie nicht auch Geld verdienen könnte, aber so wirklich dazu durchringen konnte ich mich noch nicht. Ich hab einen sehr interessanten Job, komme viel rum, meine Kollegen sind aus ganz Europa… den dann aufzugeben, das ist schon ein großes Wagnis. Es wäre sicher nicht leicht, aber ich schließe es auch nicht aus. Fotografisch hoffe ich auf mehr Zeit, dass ich auch noch mehr ausprobieren kann. Es macht mir einfach Spaß. Selbst die kurze Zeit in Atlantic City, wo ich nur ein paar Stunden draußen mit der Kamera rumhüpfen konnte. Genau dann bin ich in meinem Element und freu mich wie ein kleines Kind. Das ist auch das, was mich an der Fotografie hält: jedes bisschen Zeit, das ich dafür frei machen kann, ist eine gute Zeit.

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