Ich brauche das nicht.

Ayrton Senna war vermutlich der größte Formel 1-Fahrer, den die Welt jemals gesehen hat. Die Aufnahme oben zeigt den Fahrer im Cockpit seines Rennwagens TG184 für das Team Toleman während des Rennens am Nürburgring im Jahr 1984, sein Helm liegt auf einem der Sidepods. Die Aufnahme wurde gemacht von Angelo Orsi, Picture Editor beim Autospring Magazine und enger Freund von Senna. Er war es auch, der als erster an der Unglücksstelle war, als Senna beim Rennen in Imola 1994 mit etwa 220 Stundenkilometer in eine Begrenzungsmauer raste und dabei tödlich verunglückte. Und er war der einzige Fotograf der Aufnahmen machte als man den Helm bereits abgenommen hatte. Aus Respekt vor und Wunsch der Familie wurden diese Fotos nie veröffentlicht.

Ich finde das bemerkenswert, denn es wäre heute undenkbar.

Ich muss es aber auch nicht sehen. Ich brauche es nicht zu sehen. Es mag sein dass wir Bildern mehr Glauben schenken als dem geschriebenen oder gesprochenen Wort — wobei Manipulationen heute wirklich eine Leichtes sind — aber ich brauche kein Foto von Senna, wie er in seinem völlig zerstörten Rennwagen sitzt um zu wissen, dass er an diesem Tag gestorben ist. Ich brauche keine Spekulationen in den Stunden zwischen Aufprall und Bekanntgabe des Todes durch die Ärzte durch irgendwelche Experten, was ihn nun getötet hat. Ich brauch keine minütlich aktualisieren Ticker um wenigstens irgendetwas berichten zu können, ich weiß auch so dass derlei Informationen mit der heißen Nadel gestrickt und mir nicht helfen werden, mich umfassend über das Geschehene zu informieren. Ich brauche keine Fotos von schockierten Zuschauern zu sehen, von Teammitgliedern, von Offiziellen um zu wissen, dass die Formel 1 einen ihrer schwärzesten Tage hatte. Ich brauche keine Fotos von Trümmerteilen zu sehen, ich kann mir auch so vorstellen wie ein Wagen aussehen muss der mit einer solchen Geschwindigkeit in eine Mauer rast. Ich brauche keine Fotos der Familie zu sehen, ich weiß auch so dass sie um ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Mann trauern. Ich brauche nicht unbedingt eine Liveübertragung der Beerdigung oder des Trauermarsches zu sehen, weiß aber dass sie für viele Menschen der einzige Weg ist wenigstens ein bisschen dabei zu sein. Und drei Millionen Menschen auf den Straßen von São Paulo in der Totalen zu sehen, die ihrem Helden einen letzten Gruß mit auf den Weg geben hilft mir visuell einzuordnen, was für einen Stellenwert Senna für eine ganze Nation hatte. Aber ich brauche keine Eindrücke von weinenden Kindern, Senioren, Frauen, Männern, die man irgendwo in diesem Trauermarsch gefunden hat — dass sie an diesem Tag trauern weiß ich auch so.

Wie schön es wäre wenn moderner Journalismus uns einfach die Informationen geben würde, die wir brauchen. Der Rest ist doch nur Befriedigung von Gier.

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