Julias Shulman

Julius Shulman war 72 Jahre lang Fotograf und sozusagen der Begründer der modernen Architekturfotografie, der die Standards setzte, an denen sich andere heute messen müssen. Mit einem unglaublichen Auge und dem Verständnis, was der Architekt eigentlich ausdrücken wollte, setzte er in seiner Karriere nahezu 8000 Objekte richtig in Szene und vor allem in den richtigen Kontext. Zwei seiner bekanntesten Fotos sind vermutlich jedem schon mal unter gekommen, allerdings fand ich auch die Entstehungsgeschichte dahinter sehr spannend.

Kaufmann House, 1946

J. Edgar Kaufmann beauftragte den Architekten Richard Neutra, ein Freund von Shulman, das Haus zu entwerfen. Neutra selbst war ebenfalls Perfektionist, ständig kontrollierte er durch den Kamerasucher das Bild, nur damit Shulman die Kamera doch wieder verrückte, sobald Neutra sich abwendete. Es ging nicht nur um das Foto, es auch war auch ein Kampf der Egos, wer sich durchsetzen wird. Ursprünglich wollte Neutra ein Foto im Innern des Hauses, Shulman jedoch versetzte die Kamera nach draußen gen Westen, um den leichten Nebel über den Bergen im Hintergrund einfangen zu können. Beim Einsetzen der Dämmerung rannte Shulman zwischen Haus und Kamera hin und her, machte Lampen im Haus an und aus und öffnete den Verschluss der Kamera für kurze Zeiten, um Stück für Stück das Haus aufs Foto zu kriegen. Zuletzt bat er Mrs. Kaufmann, sich an den Pool zu legen. Ein perfektes Foto.

Case Study House #22, 1960

Das Haus war noch nicht mal fertig eingerichtet, als das Foto gemacht wurde. Shulman wollte dennoch Leben im Inneren haben und bat den die Studenten des Architekten Pierre Koenig, der das Haus für Carlotta und Buck Stahl entworfen hat, ihre Freundinnen mitzubringen. Es war wohl ein bisschen dem Zufall zu verdanken, denn Shulmann trat nur für einen kurzen Moment nach draußen, sah die Skyline von Los Angeles, während die Frauen im Inneren gerade redeten, und sah sein Foto. Die Kamera wurde nach draußen gestellt und eine 7minütige Langzeitaufnahme von Los Angeles gemacht, während das Haus in völliger Dunkelheit lag. Shulmans Assistent tauschte währenddessen Glühbirnen durch Blitze aus, Shulman brachte die beiden Frauen in Position und löste ein letztes Mal den Verschluss, um das Innere des Hauses einzufangen. Es ist eine Vorlage für unzählige Fotos, die mit einer ähnlichen Komposition danach entstanden sind.

Architektur- und vor allem Inneneinrichtungsfotografen arbeiten heute prinzipiell auch nicht anders: es werden mehrere Fotos vom gleichen Standpunkt aus gemacht, bei dem jeweils ein andere Teil des Motivs korrekt beleuchtet wird (hier gibt es ein Video, was den Prozess sehr gut zeigt). Während wir aber heute die Bequemlichkeiten der digitalen Technik haben und uns das fertige Bild ganz bequem am Rechner zusammenstellen können, machte Shulman dies schon vor über 60 Jahren alles „von Hand“, auf einem einzigen Planfilm. Und setzte damit den Standard für alles, was nach ihm kam.

Shulman verstarb am 15. Juli 2009 im Alter von 98 Jahren. Die Infos wurden zusammengetragen von Selvedge Yard, Los Angeles Magazine und Taschen Verlag