Man könnte ja auch mal wieder bloggen

Vor ein paar Tagen habe ich alle Fotos, die noch zur Veröffentlichung vorgesehen waren, bei Facebook auf einmal hochgeladen. Weil ich es leid bin mich jeden Tag damit beschäftigen zu müssen, zu überlegen welches Foto ich an diesem einen Tag zeigen möchte, obwohl ich doch weiß, dass es genauso wie hunderte andere Fotos durch die Timeline der Fans rauschen wird und in den Köpfen der meisten schon wieder vergessen ist sobald es vom Bildschirm verschwunden ist. Aus den Augen, aus dem Sinn. Es ist egal, es macht keinen Unterschied. Das ist okay, das ist der Sandkasten von Facebook und sie sagen eben, wie die Förmchen zu benutzen sind, und ich bin auf die Reichweite nicht angewiesen.

Vor etwa einer Woche sah ich im Instagram-Profil eines Bekannten das Bild einer Obdachlosen aus Berlin, darunter Kommentare wie „Inspiring“, „Damn nice shot“ oder „Super“ in Kombination mit einem lachenden Smiley. Es sind sinnentleerte Kommentare, die vermutlich automatisch unter Bilder gesetzt werden, das macht es aber nicht besser.
Ebenfalls vor ein paar Tagen habe ich aus Interesse ein paar andere Hashtags bei meinen Instagram-Fotos benutzt und spürbar mehr Likes bekommen. Mag ja sein, dass unter den Neuzugängen auch welche sind, denen mein Profil wirklich gefällt, aber wenn eine einfache Änderung von ein paar Hashtags ausreicht um mehr Reichweite zu erhalten frage ich mich ja doch, ob und wieviel die tatsächlichen Inhalte eigentlich noch zählen. Und dann erwische ich mich selber dabei, dass ich schon nicht mehr weiß, bei welchen Fotos ich gestern auf den Button mit dem Herz gedrückt habe. Ich bin eigentlich nicht besser.

Ultimately, it comes down to two things: ownership and control.

Last week, Twitter announced they’re shutting down Vine. Twitter, itself, may be acquired and changed in some terrible way. It’s not hard to imagine a post-Verizon Yahoo selling off Tumblr. Medium keeps pivoting, trying to find a successful revenue model. There’s no guarantee any of these platforms will be around in their current state in a year, let alone ten years from now.

Here, I control my words. Nobody can shut this site down, run annoying ads on it, or sell it to a phone company. Nobody can tell me what I can or can’t say, and I have complete control over the way it’s displayed. Nobody except me can change the URL structure, breaking 14 years of links to content on the web.
Andy Baio

Klar werde ich die Dienste auch weiterhin nutzen, aber Andy Baio hat die beiden gewichtigen Gründe genannt, dieses Blog vielleicht doch wieder zu reanimieren: zum einen laufe ich nicht Gefahr meine Daten zu verlieren, sobald irgendeinem Dienst mal wieder das Geld ausgeht, und zum anderen die Möglichkeit machen zu können, was ich will. Ich habe selber noch keinen richtigen Plan wie es hier weiter gehen könnte, aber sagen wir es mal so: mir schwirren ständig Gedanken im Kopf herum, und mein Feedreader ist seit mehreren Jahren mit hunderten Links gefüllt, für die es aber nie den richtigen Ort zur Ablage gab. Für den Anfang habe ich ein paar ältere Beiträge eingefügt, die sich bisher noch an unterschiedlichen Orten befanden.

Außerdem habe ich seit fast drei Jahren hier nichts mehr geschrieben, also könnte man ja auch mal wieder.

Weil Meer.

Heute vor einer Woche hättet ihr mich in Swinemünde dabei beobachten können, wie ich mit einer winzigen analogen Kompaktknipse in der Ostsee stehe und diese immer wieder ganz nah an die Wasseroberfläche halte, um einen ganzen Film mit solchen Fotos voll zu machen.

Weil Meer.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Die Odenwaldschule hat am Samstag den 25. April 2015 bekanntgegeben dass sie den Betrieb zum Ende des Schuljahres einstellen wird. Trotz intensiver Bemühungen sei es nicht gelungen genug Geld zu besorgen um den unbefristeten Betrieb der Einrichtung zu sichern, derzeit sind zudem nur etwa 120 Schüler im Landerziehungsheim untergebracht, um profitabel zu sein bräuchte man wenigstens 200 Schüler. Das ist das Resultat aus der öffentlichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, der 2010 erst so richtig bekannt wurde.

Ich hatte diesen Moment eigentlich erwartet, die Frage war nur wann es passieren würde. Und trotzdem, nachdem es nun bekanntgegeben wurde wirkt es befremdlich.

Ich war Schüler der Odenwaldschule, von 2003 bis 2005 habe ich dort die Oberstufe besucht, mein Abitur sozusagen nachgeholt und gleichzeitig eine Ausbildung zum Informationstechnischen Assistenten absolviert. Ich war 20 Jahre alt als ich auf die Schule kam, in meiner Jugend habe ich die Schule eher verbockt und war mit anderen, für mich wichtigeren Sachen beschäftigt. Ich war froh nochmal eine Chance zu kriegen, war froh dass meine Eltern mir den Besuch der Schule ermöglichen konnten. Der Altersunterschied zu meinen Mitschülern kam nie zur Sprache, er war egal. Einerseits hatten viele dort ihre Geschichte, andererseits hatte durch die räumliche Enge ohnehin jeder mit jedem zu tun, egal in welcher Klasse man nun war. Der Wahlspruch der Odenwaldschule lautet “Werde, der du bist”, und zumindest auf mich traf das zu. Ich war stolz, ein Odenwaldschüler gewesen zu sein.

Fünf Jahre später erfuhr ich von den Missbräuchen.

Es war nur ein Artikel, ich glaube die ganze Dimension war damals noch gar nicht offensichtlich, aber für mich war es ein kleiner Schock. Ich begann, Erlebtes in der Odenwaldschule neu zu bewerten. Erzählungen, die ich damals noch als ein wenig creepy abgetan habe wirkten auf einmal erschreckend real. Institutionen, die es zu meiner Zeit “einfach gab”, die aus diesem Skandal heraus gegründet wurden. Vorfälle, nicht sexueller, wohl aber doch übergriffiger Natur, die auch zu meiner Zeit an der Odenwaldschule passiert sind. Alles fühlte sich anders an.
Ein Jahr später kam der Dokumentarfilm “Und wir sind nicht die Einzigen”, der die Opfer in einer ruhigen und gerade dadurch gewaltigen Art zu Wort kommen lässt. Ich besuchte die Premiere in Berlin, sah Ex-Schüler, Ex-Lehrer, ja sogar meinen damaligen Schulleiter im Publikum. Die Dimension erschlug mich, ich war sprachlos und den Tränen nahe. Die Vorstellung, dass dieser Ort, an dem ich drei so wunderbare Jahre verbrachte, für so viele Menschen die Hölle auf Erden gewesen sein muss war für mich unerträglich.

Und dann gab es da noch diese andere Sache.

Es gibt ein Forum für Altschüler zum Austausch, Organisation und dergleichen. Ich habe meist eher halbherzig verfolgt, die meisten Themen interessierten mich nicht wirklich, und das Altschülertreffen alle zwei Jahre in den Herbstferien der Odenwaldschule wurde eh über Briefe verkündet. Als ich 2010 den Artikel über den Missbrauchskandal las teilte ich den Link aber in diesem Forum weil ich dachte, er würde auch andere interessieren. Der erste Kommentar von einer Altschülerin war “Ja. Hast du das nicht gewusst?”

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Nein, ich habe das nicht gewusst. Ich wusste auch nicht dass sich bereits 1998 zwei Opfer in einem offenen Brief an die Öffentlichkeit wanden und die Sache publik machten. Dass die Polizei das Verfahren damals wegen Verjährung eingestellt hat. Dass die Schule zu dieser Zeit kein Interesse an der Aufarbeitung hatte. Ich weiß warum nichts getan wurde, man wollte wohl den Fall vermeiden der jetzt eingetreten ist. Aber ich kann es nicht verstehen. Es war zu dieser Zeit ein weiterer Schlag ins Gesicht für jede und jeden, für den die Odenwaldschule nicht das erhoffte Paradies war. Und es machte mich sprachlos wie lapidar mir das entgegnet wurde.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Ich war seitdem nicht mehr auf der Odenwaldschule. Ich hatte Angst davor wie ich reagieren würde wenn ich dort auf Menschen treffe, denen ich vertraute, Schüler wie Lehrer. Die 1998 bereits auf der Schule waren als zwei Menschen den Mut aufbrachten ihre Geschichte öffentlich zu machen. Die gar in den 70ern auf der Schule waren, als es passiert ist. Du teilst dort nicht nur die Schule sondern auch dein Leben mit den Menschen. Ich hatte Angst, dass ich sie am Kragen packen würde, sie anschreien würde warum sie nichts getan haben, warum mir nur ein lapidarer Kommentar entgegnet wird, hatte Angst dass ich schlimmeres tun würde. Ich hatte Angst vor mir selbst.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Ich habe, glaube ich, nie konkrete Zahlen gesehen, also informierte ich mich. Man spricht von 33 Opfern in 50–100 Fällen, an denen acht bis zehn Lehrer beteiligt waren. Die Dunkelziffer wird höher sein. Ich erinnere mich wieder an den Film erinnere mich wie dort die Systematik beschrieben wurde, mit der die Missbräuche organisiert wurden. Und bin wieder sprachlos.

Ja. Hast du das nicht gewusst?

Und jetzt schließt die Odenwaldschule. Es fehlt an Geld, sehr viel Geld. Im Altschülerforum wird zwar noch diskutiert, dass man bis zum 30. Mai 2015 eine niedrige siebenstellige Summe aufbringen müsse um den Betrieb aufrechtzuerhalten, und man das über Darlehen und Spenden vielleicht noch erreiche könne, aber ich habe das Gefühl dass es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Der Trägerverein der Odenwaldschule hat bei der Aufarbeitung des Skandals Fehler gemacht. Es gab einen weiteren aktuellen Fall, der von der Schule zwar völlig korrekt behandelt wurde, für die öffentliche Wahrnehmung natürlich trotzdem eine Katastrophe war. Die Odenwaldschule wäre diesen Ruf nie wieder losgeworden, sie hätte ihm nur mit einer ebenso direkten Aufklärung entgegen treten können. Aber das ist nicht passiert, und das Vertrauen ist dahin. Vielleicht geschieht ja noch das Wunder und sie kriegen die benötigte Summe zusammen. Ändern würde das aber nur wenig, und nächstes Jahr wäre man wohl wieder am selben Punkt. Und so leid es mir für die Lehrer, Mitarbeiter und vor allem die Schüler tut: ich erwische mich dabei zu denken, dass es vielleicht besser so ist.

Ich habe meinen Vater mal gefragt, ob er die Odenwaldschule auch noch für mich in Betracht gezogen hätte, wäre das alles schon 2003 bekannt gewesen.

Nein, hätte er nicht.

Ich brauche das nicht.

Ayrton Senna war vermutlich der größte Formel 1-Fahrer, den die Welt jemals gesehen hat. Die Aufnahme oben zeigt den Fahrer im Cockpit seines Rennwagens TG184 für das Team Toleman während des Rennens am Nürburgring im Jahr 1984, sein Helm liegt auf einem der Sidepods. Die Aufnahme wurde gemacht von Angelo Orsi, Picture Editor beim Autospring Magazine und enger Freund von Senna. Er war es auch, der als erster an der Unglücksstelle war, als Senna beim Rennen in Imola 1994 mit etwa 220 Stundenkilometer in eine Begrenzungsmauer raste und dabei tödlich verunglückte. Und er war der einzige Fotograf der Aufnahmen machte als man den Helm bereits abgenommen hatte. Aus Respekt vor und Wunsch der Familie wurden diese Fotos nie veröffentlicht.

Ich finde das bemerkenswert, denn es wäre heute undenkbar.

Ich muss es aber auch nicht sehen. Ich brauche es nicht zu sehen. Es mag sein dass wir Bildern mehr Glauben schenken als dem geschriebenen oder gesprochenen Wort — wobei Manipulationen heute wirklich eine Leichtes sind — aber ich brauche kein Foto von Senna, wie er in seinem völlig zerstörten Rennwagen sitzt um zu wissen, dass er an diesem Tag gestorben ist. Ich brauche keine Spekulationen in den Stunden zwischen Aufprall und Bekanntgabe des Todes durch die Ärzte durch irgendwelche Experten, was ihn nun getötet hat. Ich brauch keine minütlich aktualisieren Ticker um wenigstens irgendetwas berichten zu können, ich weiß auch so dass derlei Informationen mit der heißen Nadel gestrickt und mir nicht helfen werden, mich umfassend über das Geschehene zu informieren. Ich brauche keine Fotos von schockierten Zuschauern zu sehen, von Teammitgliedern, von Offiziellen um zu wissen, dass die Formel 1 einen ihrer schwärzesten Tage hatte. Ich brauche keine Fotos von Trümmerteilen zu sehen, ich kann mir auch so vorstellen wie ein Wagen aussehen muss der mit einer solchen Geschwindigkeit in eine Mauer rast. Ich brauche keine Fotos der Familie zu sehen, ich weiß auch so dass sie um ihren Sohn, ihren Bruder, ihren Mann trauern. Ich brauche nicht unbedingt eine Liveübertragung der Beerdigung oder des Trauermarsches zu sehen, weiß aber dass sie für viele Menschen der einzige Weg ist wenigstens ein bisschen dabei zu sein. Und drei Millionen Menschen auf den Straßen von São Paulo in der Totalen zu sehen, die ihrem Helden einen letzten Gruß mit auf den Weg geben hilft mir visuell einzuordnen, was für einen Stellenwert Senna für eine ganze Nation hatte. Aber ich brauche keine Eindrücke von weinenden Kindern, Senioren, Frauen, Männern, die man irgendwo in diesem Trauermarsch gefunden hat — dass sie an diesem Tag trauern weiß ich auch so.

Wie schön es wäre wenn moderner Journalismus uns einfach die Informationen geben würde, die wir brauchen. Der Rest ist doch nur Befriedigung von Gier.

10.000 Schritte

Seit ca. 1 1/2 Wochen gehe ich jetzt mehr als 10.000 Schritte pro Tag. Darüber können einige sicher nur lachen, Postboten zum Beispiel, oder Möbelpacker, oder Müllmänner, oder Menschen mit großen Hunden, oder Bauarbeiter und vermutlich auch Handwerker und DSL-Installateure von der Telekom, wobei ich mir bei letzteren nicht ganz sicher bin. Aber für Menschen wie mich die vornehmlich am Schreibtisch arbeiten sind 10.000 Schritte täglich ein Ziel dass man in seinen Tagesablauf einplanen muss. Die Anzahl ist eben so viel dass ich sie mit normaler Bewegung nicht erreiche, gleichzeitig aber auch so viel dass es kein unrealistisches Ziel ist. In meinem Fall lege ich den Weg vom und zum Büro jetzt zu Fuß zurück, damit erreiche die Marke ganz locker. Ca. 80 Minuten Zeitaufwand pro Tag.

Zum tracken benutze ich Withings. Stürzt ständig ab, saugt Akku, zählt mal so mal so, ich muss mich hüten noch was anderes mit meinem betagten iPhone 4 zu machen, funktioniert aber und reicht für meine Zwecke. Und kostet nix.

Was es bringt? Wird sich langfristig wohl noch zeigen. Ich sehe jedenfalls viel mehr von Berlin. Und in meinem ganz speziellen Fall als Bandscheibenvorfallgeschädigter geht mir mein Rücken seit dem nicht mehr auf den Sack. Also, so gar nicht. Auch nicht beim Aufstehen, was sonst immer spürbar war. Und das allein reicht mir schon völlig um das auch weiterhin zu machen. Führt dann schon mal dazu dass ich abends noch zwei Runden um den Block drehe wenn ich mein Ziel noch nicht erreicht habe. Aber das macht nichts. Also, so gar nicht.

Den Anstoß dazu bei vowe gefunden, der von pop64 verlinkt wurde, der von Felix Schwenzel in seiner täglichen Linkliste verlinkt wurde, auf die ich mich jedes Mal freue. Von wegen Blogs sind tot. Danke an euch drei.

f5punkt6

Ein kleines Experiment, was ich in den letzten paar Stunden zusammenhackte: eine Übersicht über deutschsprachige Fotografieblogs. Ich mag ja den von Manfred betreuten Foto-Radar, aber einerseits hat es mich schon ein klein bisschen überrascht und erschrocken, wieviele der dort vertretenen Blogs mittlerweile das Zeitliche gesegnet haben, andererseits fand ich die Sortierung nach Blogs stets etwas unvorteilhaft. Das geht doch irgendwie besser.

Technisch ist das nicht besonders anspruchsvoll, auch wenn es an einigen Ecken noch hapert. Schwieriger wiegt da schon, dass das quasi ein Google News für Fotografieblogs ist – auch wenn ich damit keine Kohle mache, auch wenn immer und überall auf die Quelle verlinkt wird und es sowas wie eine Einzelansicht erst gar nicht gibt, so grabe ich dennoch automatisiert die Inhalte ab und präsentiere sie auf einer anderen Seite. Tun Feeds auch, weiss ich, trotzdem habe ich da noch eine kleine Hemmschwelle. Und eigentlich will ich auch gar nicht in „Konkurrenz“ zu Manfred stehen.

Ob ich überhaupt noch weiter mache, mal sehen. Wer es sich mal anschauen will, die URL lautet http://f5punkt6.christophboecken.de, Benutzer und Passwort sind f5punkt6 / blende8.

Update: Da die Zugangsinformationen bereits weitergereicht werden, was durch eben selbige eigentlich nicht passieren sollte, habe ich das Passwort geändert. Neuer Zugang ist f5punkt6 / sunny16. Bitte nicht rumreichen, mhkay?

Update #2: Ich mach die Seite erst mal dicht um daran weiter zu arbeiten. Stay tuned.

How to possibly write about photography

The very question I ask myself when looking at some photography, or maybe more accurately when starting to think about writing about some photography is “Is it interesting?” I’m sure a lot of people will think that’s possibly the most vague question to start out with, but it’s a very useful litmus test: Is it interesting? There’s a lot of photography that, frankly, is not very interesting at all; and when you are going to devote hours of your time writing about it, it better be interesting.

Jörg M. Colberg – How to possibly approach writing about photography

Über das Rauchen

Als ich 12 Jahre alt war habe ich angefangen.

Wie das halt so ist, man hat sich einen leicht falschen besten Kumpel beziehungsweise Freundeskreis ausgesucht, weil man irgendwo zugehörig sein will. Ob es Gruppenzwang war oder ich einfach nur mitgezogen habe weiss ich heute nicht mehr, aber darüber bin ich an die erste Zigarette gekommen. War ja auch nicht schwer, eine Schachtel West mit 24 Zigaretten kostete 4,50 DM, wenn das Taschengeld doch mal nicht reichte ging man eben zu dem einen Kiosk, der unter der Theke auch einzelne verkaufte, das Stück für 30 Pfennig. Am Anfang nur gepafft, einfach weil ich es nicht besser wusste. Irgendwann lachte mich mal jemand deswegen aus und zeigte mir dann, wie das mit diesem “auf Lunge”-rauchen geht. Der Hustenanfall danach war heftig, das Gefühl allerdings auch, irgendwie beruhigend, entspannend. So fing es an. Ich muss total naiv gewesen sein, zu denken, dass es meinen Eltern nicht auffallen würde, aber tatsächlich bekommt man vom Geruch als Raucher nicht wirklich viel mit. Trotzdem, es war verbunden mit Heimlichtuerei und Lügen, irgendwie musste das neue “Hobby” ja versteckt werden.

Wir rauchten wie ein Schlot, hatten kleine Schatullen, in denen wir unsere Zigaretten bunkerten, und probierten selbst den abgefahrensten Mist aus, der selbst für Raucherverhältnisse eklig war: Mentholzigaretten, oder diese Pseudo-Zigarillos West Rollies, die zum einen so billig waren, dass man sie sich auch mit schmalem Geldbeutel leisten konnte und zum anderen so scheisse schmeckten, dass garantiert niemand von mir eine Zigarette wollte. Es fühlte sich okay an, wir waren ja trotzdem noch aktiv, spielten Street Hockey, Fussball, und irgendwie konnte das ganze uns nicht wirklich viel anhaben, glaube ich jedenfalls – zu der Zeit fühlte ich mich jedenfalls nicht schlecht. Wir dachten einfach nicht darüber nach. Warum auch. Es war ja cool.

Von den Eltern erwischt wurde ich zuhause, in meinem Zimmer, als meine Mutter reinkam und ich die Zigarette nur noch schnell in der Schublade verschwinden lassen konnte. Sie waren enttäuscht, was eigentlich noch viel schlimmer war als jede Strafe, die es hätte geben können. Der ehemals beste Freund wechselte die Schule und war weg, die Zigaretten blieben.

Ab der 11ten Klasse mussten wir uns in den Schulpausen nicht mehr im Gebüsch verstecken, sondern konnten ganz cool auf den Raucherhof gehen und mit hunderten anderen Mitschülern unserer Sucht nachgehen. Mittlerweile rauchte ich auch in meinem Zimmer. Wenn das Geld knapp war bastelten wir uns aus den Stummeln im Aschenbecher neue Zigaretten. Es half ein bisschen.

Meine Eltern waren verreist, ich sollte mit dem Hund Gassi gehen. Weil ich die Zigarette nicht ausmachen wollte lief ich vom meinem Zimmer durch das Treppenhaus, schnappte mir den Hund, rannte aus dem Haus, zog die Tür hinter mir zu und merkte erst in diesem Moment, dass ich keinen Schlüssel dabei hatte. An einem Samstag kosten Schlüsselnotdienste das doppelte, selbst wenn sie die Tür nicht geöffnet kriegen, außerdem bestehen sie auf Barzahlung. Mein Vater ließ ein paar Jahre zuvor alle Schlösser durch Hochsicherheitsdinger austauschen, da ihm Mittags in Bonn an einer stark frequentierten Straße innerhalb von nur fünf Minuten der Wagen gestohlen wurde, zusammen mit seinem Schlüsselbund. Wäre meine Cousine, die auf das Haus aufpassen sollte, nicht doch noch rechtzeitig gekommen, und hätte sie nicht den anderen Schlüssel gehabt, mein Urlaub auf Bali, der am nächsten Morgen starten sollte, hätte für mich nicht stattgefunden. Da war ich 17.

Als ich 22 Jahre alt wachte ich eines morgens auf und bekam keine Luft mehr. Eine Schachtel am Tag war ganz normal.

Neujahr 2004, es war fünf Uhr morgens und wir hatten keine Zigaretten mehr. Die Eltern von dem Freund, bei dem wir feierten, hatten als gute Gastgeber aber stets eine Schachtel im Haushalt. Lucky Strikes, die Packung kostete 4,20 DM. Sie muss älter gewesen sein als alles, was ich bisher rauchte, mindestens 10 Jahre, der Tabak war völlig ausgetrocknet und bröselig. Wir probierten es trotzdem. Es war eklig.

Mit 23 Jahren flogen mein Vater und ich nach Kuba. Nach dem Flug konnte ich nicht anders als mir an der ersten möglichen Stelle, noch auf dem Flughafen eine Zigarette anzuzünden. Vor ihm. Es war das erste Mal, dass ich vor einem Teil meiner Eltern rauchte. Er sagte nichts, aber was hätte er er auch groß tun sollen? Mich aufs Hotelzimmer schicken? Und mir war es egal.
Unser Busfahrer, der uns über Kuba fuhr, lachte ständig, und obwohl ich kein Wort verstand mochte ich ihn. Ich bot ihm eine Zigarette an, auf Kuba raucht ja wirklich jeder. Es war irgendeine mit Filter, ich weiss es nicht mehr, aber er lachte nur und drückte mir im Gegenzug eine von seinen in die Hand. Die Marke kannte ich nicht, sie hatte keinen Filter und war schwarz wie die Nacht, ein Wunder dass der Teer nicht tropfte. Zwei Züge, mehr schaffte ich nicht. Er lachte weiter.

Im Dezember 2006 hörte ich auf.

Einfach so. Und es ging. Wir fuhren sehr bald zum Snowboarden, und ich fing an, das fehlende Nikotin mit jede Menge Gras zu kompensieren. Während die anderen auf Apres Ski Parties feierten knallten wir uns den Kopf weg, redeten über die unsinnigsten Sachen und befriedigten unsere Fressflashs mit dem, was der Kühlschrank hergab, und den wir am nächsten Tag aus dem abartig teuren Supermarkt im Dorf nachfüllen mussten. Aber es war leichter zu kontrollieren. Ich kaufte nie selbst Dope, da ich in Mannheim niemanden vertrauenswürdiges kannte, hatte also vielleicht alle ein oder zwei Wochen mal ein Tüte bei Freunden. Dazwischen fehlte es mir nicht. und irgendwann ließ ich es komplett.

Im März 2007 dachte ich, das Gröbste sei überstanden. Wir waren für ein paar Tage bei einem Freund, ich hatte einen beschissenes Telefonat mit Ihr, mir ging es nicht gut, und ich setzte mich vor den kleinen Kamin, der nicht mehr benutzt wurde, außer zum reinaschen, wenn es draußen zu kalt war – im Haus durfte nicht geraucht werden. Ich war aufgewühlt, und die eine Zigarette, die ich aus der daneben liegenden Packung nahm, die wird mich nicht umbringen.

Im März 2007 fing ich wieder an.

Meine Freundin im zweiten Halbjahr 2007 war Nichtraucherin. Sie sagte mir, wie sehr es sie belaste, wenn ich auf dem Balkon noch eine rauchte und mich dann zu ihr ins Bett legte. Ich habe es nicht verstanden. So schlimm ist es doch nicht.

Während des Studiums erhöhte sich die Menge auf einen Big Pack, 25 Zigaretten am Tag. Zwischen den Vorlesungen zwei oder drei, zuhause sowieso ständig. Ich gefiel mir nicht, ich machte mir selber Vorwürfe, wieder angefangen zu haben, wo ich es doch tatsächlich geschafft hatte, nur um im nächsten Moment die nächste Zigarette anzuzünden. Ich machte keinen Sport, wurde dick. Mir fiel erst beim Auszug aus dem Studentenwohnheim auf, wie Gelb die Wände nach den drei Jahren geworden sind. Im Übergabeprotokoll wird später “Verwohnt” stehen.

Am 5. Juni 2008, einem Donnerstag, hatte ich 5€ in der Tasche und die Wahl, ob ich mir ‘Brügge sehen… und sterben?’ im Kino – Spätvorstellung, außerdem war Kinotag – anschaue oder aber eine Schachtel Zigaretten am Automaten ziehe. Ein sehr guter Film, meine Meinung zu Colin Farrell änderte sich über seine Rolle ziemlich. Davor kannte ich ihn nur als Darsteller in durchschnittlichen Actionfilmen wie ‘S.W.A.T.’, gruseligen Superheldenfilmen wie Daredevil oder in dem zugegeben gut gemachten ‘Nicht auflegen!’, der aber auch nicht lange in Erinnerung blieb. So grob gesagt sah ich in ihm ja bisher nicht so den großen Charakterdarsteller, hier fand ich ihn jedoch sehr überzeugend. Überhaupt sind es die kleineren beziehungsweise nicht ganz so bekannten Produktionen mit ihm, die wirklich Spaß machen, Intermission zum Beispiel, Cassandras Dream, oder Tigerland. Und dann natürlich Ralph Fiennes, von dem ich ja seit Strange Days aus dem Jahre 1995 ein Fan bin – und bei dem ich lustigerweise erst im letzten Harry Potter Film bemerkte, dass er Voldemort spielt.

Aber ich schweife ab.

Am nächsten Morgen ging ich laufen. Wenn man das noch als laufen bezeichen kann, denn mehr als zwei Kilometer schaffte ich nicht, und als ich zuhause ankam hustete ich, als käme die Lunge gleich mit raus. Aber ich machte weiter. Jeden Tag. Anfangs noch sehr früh morgens, es musste ja nicht jeder sehen, wie ich mit meinen zwei Metern im Schneckentempo über die Bürgersteige von Mannheim krieche, einfach weil mein Körper noch nicht mehr hergibt.
Jede Woche ein bisschen mehr. Nach einem Monat waren es sechs Kilometer, danach 8, jeden Tag spürte ich, wie es besser lief. Am Ende des Sommers, zwei Monate danach, lief ich regelmäßig eine Strecke von 12 Kilometern, abends, vorbei an all den Menschen. Ich verlor zehn Kilogramm, die ich mir durch Faulheit angefressen hatte, ich fühlte mich besser, ich genoss es, durch den Wald direkt am Rhein zu laufen und die vielen unterschiedlichen Gerüche wahrzunehmen und den Kopf frei zu kriegen. Keine Musik, nur die Geräusche der Natur. Es war meine zweite Chance, und ich wollte sie nutzen. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Keine Zigarette, keine Zigarre, kein Joint, kein Head, kein Eimer, nichts was mich irgendwie wieder rückfällig werden lassen könnte, wusste ich doch, dass nur ein Zug schon ausreichen kann, um mich wieder voll dabei zu haben. Ja, ich hatte regelrechte Angst davor.

Ich bildete mir ein, ein toleranter Nichtmehrraucher zu sein, dass ich weiss, wie schwer es ist, aufzuhören, dass ich keinem Raucher deswegen Vorwürfe machen könnte, denn man muss es selber wollen, hört man nur für andere auf, dann funktioniert es nicht, denn der Entzug ist vor allem eine Kopfsache. Ich unterstützte es aber auch in keinster Weise, lieh niemandem Geld für Zigaretten, brachte niemandem welche mit, wenn ich zum Kiosk ging. Mit ein paar Ausnahmen hat das auch jeder verstanden.

Im Frühjahr 2010 lief ich meinen ersten Halbmarathon in 2 Stunden und 18 Minuten.

Meine Freundin war Raucher. Unsere Wege trennten sich.

Ich war kein toleranter Nichtmehrraucher. Ich bildete es mir ein und betonte es häufig, aber wahrscheinlich tat ich es nur um mir selber nicht eingestehen zu müssen, dass ich es nicht bin. Denn ich bin es nicht. Nicht mehr. Ich möchte in der Straßenbahn nicht mehr neben Leuten sitzen, die auf dem Bahnsteig eben noch eine Fluppe rauchten, weil es stinkt. Ich werde nicht in Räumen essen, in denen zuvor noch geraucht wurde, eher gehe ich, selbst wenn ich für das Essen schon bezahlt habe. Wenn es geht, dann versuche ich Situationen, in denen Zigaretten vorkommen, zu vermeiden. Ich ging nicht auf die Barrikaden, aber es war mir auch nicht mehr egal.

Am 6. Juni 2009 steuerte ich einen Tabakladen an und fragte, was eine große Schachtel West kostet. Ich weiss es nicht mehr, irgendwas um fünf Euro rum, mehr als das doppelte von den 4,50 DM, mit denen ich vor 15 Jahren anfing, und weniger Zigaretten waren auch noch drin. Seit einem Jahr keine Zigarette mehr. Es war ein Erfolgserlebnis, auch, weil es im ersten Jahr trotz allem immer wieder mal für einen kurzen Moment dieses Verlangen gab, dass da aus dem Unterbewusstsein kam. Jetzt diese eine. Dieser Besuch im Tabakladen sollte in den kommenden Jahren zu einer kleinen Tradition werden, zu fragen, was denn ein Big Pack West kostet. Ich zelebrierte es ein kleines bisschen, um mich stets daran zu erinnern, wie schnell es gehen könnte, aber auch, um mich selber ein bisschen zu bestätigen.

Am 6. Juni 2012 habe ich es einfach vergessen. Es fiel mir erst zwei Monate später auf, dass ich ja jetzt seit über vier Jahren nicht mehr rauche.

Ezra Stoller

Ähnlich wie Julius Shulman gehört der 1915 in Chicago geborene Ezra Stoller wohl zu den wichtigsten Wegbereitern der modernen Architekturfotografie. Bereits im Studium befasste er sich mit der Fotografie von Gebäuden, die er danach primär voran trieb. 1942 wurde er von er US Army eingezogen und arbeitete die nächsten drei Jahre beim Army Signal Corps Photo Center. Er war der erste Fotograf, der 1961 vom American Institue of Architects einen Award für seinen Fotografie erhielt.

Starkey House, Marcel Breuer, Duluth, MN, 1956

An dieser Aufnahme des Starkey Houses fand ich vor allem die Wechselspiele interessant, die strengen Linien des Hauses gegenüber den organischen Formen der Natur, aber auch das Licht, beispielsweise die beiden hellen Bäume in der Mitte gegenüber den dunklem am Rand. Es wirkt nahezu perfekt eingerahmt, selbst der Horizont ist einen kleinen Tick über der Hauskante. Dazu natürlich die sehr gute Ausarbeitung, bei der ich mal ganz schwer davon ausgehe, dass auf dem Print selbst an den dunkelsten Stellen noch Zeichnung vorhanden ist. Es ist einfach eine gute Aufnahme, die mich lange nach kleinen Details hat suchen lassen.

General Motors Technical Center, Eero Saarinen, Warren, MI, 1950

Spannender finde ich jedoch diese Aufnahme aus dem General Motors Technical Center. Ich meine, ja, es ist ebenfalls eine technisch sehr gut gemachtes Foto, die Ausleuchtung ist klasse, es hat eine gesunde Mischung aus Minimalismus in der Architektur und interessanten Objekten, die Position wurde vermutlich zentimetergenau gewählt und so weiter…

… aber warum zur Hölle hat er den Wagen angeschnitten?

Und dann auch noch so, dass trotzdem ein kleines bisschen des Weisswandreifens sichtbar ist? Und warum zeigt es nicht ins Foto rein? Warum verdammt nochmal? Das waren tatsächlich mein ersten Gedanken. Und dann überlegte ich, warum es trotzdem interessant ist, und bemerkte dann erst, dass es nicht primär um das Auto geht, sondern um das Foto als ganzes. Bemerkte die Linien an den Decken und Wänden, die sich wie eine Art Richtungsangabe zu einem Pfeil formen, der mittig rechts aus dem Bild rausführt. Könnte das Auto nicht genau dafür stehen, für die Bewegung, die bereits stattfindet, zeigt es genau deswegen aus dem Bild raus und ist schon halb verschwunden? Dass No Smoking Schild, dass so gar nicht passen mag, aber vielleicht ist die Deckenbeleuchutng ja ein Synonym für die Sonne… je länger ich mich mit der Aufnahme beschäftigte, desto interessanter wurde sie, weit weg von meiner ersten, flüchtigen Einschätzung. Ich muss zugeben, hätte ich mich an derlei versucht, ich hätte den Wagen in jedem Fall komplett gezeigt, vermutlich auch ins Bild reinzeigend, und damit eine von vermutlich tausend gleichen Aufnahmen gemacht. Aber so… ist das Interesse da.

Stoller verstarb 2004. Einen ganz guten Überblick über sein Schaffen liefert die Yossi Milo Gallery, die im Frühjahr 2011 eine Ausstellung mit seinen Werken hatte, oder die von ihm gegründete Esto Photographics.